Russland - Ukraine
Triumph der Freiheit – Selbst Russlands schärfsten ideologischen Einpeitschern dämmert es, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen ist
NZZ, Christoph Brumme, 28.04.2026
Ratlosigkeit bei den Kriegs-Bloggern
Die grosse Depression begann am 12. Januar. Von diesem Tag an dauerte der Krieg gegen die Ukraine länger als der «Grosse Vaterländische Krieg» gegen Hitler-Deutschland. Doch Russ lands angeblich unbesiegbare Armee ist in diesen knapp vier Jahren nur ein paar Dutzend Kilometer vorangekommen, während die sowjetischenVorbilder blutiger Kampfkunst bereits die Flagge auf dem Reichstag in Berlin gehisst hatten. Kein einziges Kriegsziel hat Putin erreicht. Die Ukraine sollte entwaffnet werden, demilitarisiert, doch nun ist ihr Militär so stark wie nie zuvor. Die ukrainische Kultur soll ausgelöscht werden, doch sie ist über die Grenzen hinaus so populär wie nie zuvor. Die Souveränität der Ukraine sollte mindestens stark eingeschränkt werden, doch nun wird das Land weltweit mehr respektiert als jemals zuvor.
Teuer erkämpfte Erfahrungen
Ukrainer haben die Militär- und die Kampftechnik revolutioniert und wer den es weiterhin tun– «Hausfrauen mit 3-D-Druckern in der Küche», wie der Rheinmetall-Chef Armin Papperger ukrainische Drohnenhersteller kürzlich nannte. Plötzlich sind sie militärische Avantgarde, ihr Wissen und ihre teuer erkämpften Erfahrungen sind weltweit begehrt.In Russlands Flugabwehr haben sie grosse Löcher geschossen, prosaisch ausgedrückt. Ukrainische Drohnen und Raketentreffen das russische Hinterland inzwischen über Entfernungen von bis zu 1700Kilometern metergenau. Es gebe keine sicheren Regionen in Russland mehr, klagt der Sekretär des russischen Sicherheitsrats und frühere Verteidigungsminister Sergei Schoigu. Eine epochale Entwicklung, schockierend nicht nur für Patrioten und Kriegsbefürworter. Russland könne aus objektiven Gründen nicht gewinnen, erklärt Sachar Prilepin,ein frühererAnführer der sogenannten Separatisten im Donbass. Seit vier Monaten in Folge «neutralisierten» die Ukrainer mehr feindliches Personal, als die Russen rekrutierten, so der Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte, Olexander Sirski. Im Durchschnitt setzen die Ukrainer 30 Prozent mehr Kampfdrohnen ein als die russischen Truppen. Der bekannte russische Kriegs-Blogger Jura Podolski meint, die Ukrainer verschössen inzwischen doppelt so viele weit reichende Drohnen wie die Russen. Die Probleme an der Front müssten gelöst werden, meint er, aber er wisse auch nicht, wie. «Wir haben legendäre Waffen, sie haben moderne», klagt der Kreml Propagandist Wladimir Rudolfowitsch Solowjow. Der Widerspruch zwischen den militärischen Zielen und der militärischen Wirklichkeit klafft immer weiter auseinander. Russland steuere unaufhaltsam auf eine «ideale Katastrophe» zu, prophezeit der Nationalistenführer Maxim Kalaschnikow. Er spricht von einem «albtraumhaften Krieg, der uns von innen heraus zerstört». Viele der russischen Kommentatoren des Krieges fürchten inzwischen, dass die Ukrainer ihr Ziel erreichen könnten, in Zukunft jeden Monat 50 000 Russen zu töten oder kampfunfähig zu machen, statt «nur» etwa 30 000 wie bisher. Die sogenannten Fleischangriffe am Boden wirken immer sinnloser angesichts der rasanten technischen Entwicklungen und angesichts der List und Intelligenz der Ukrainer.
Auf See fällt die sich anbahnende Niederlage Russlands noch klarer aus. Die meisten Schiffe der russischen Schwarzmeerflotte liegen auf dem Mee resgrund oder verstecken sich, so gut es geht, in Häfen im russischen Hinterland. Besiegt von einem Land ohne Flotte, was für eine schreckliche Demütigung. Zuletzt haben die Ukrainer die «Admiral Makarow» getroffen, die letzte verbliebene Fregatte im Schwarzen Meer, die Kaliber-Raketen verschiessen konnte. Und die Ukrainer kündigen für die nahe Zukunft weitere Fortschritte an. Denis Schtilierman, Chefkonstrukteur und Mitbegründer der Firma Fire Point, des Herstellers der Flamingo-Raketen, verspricht neue Mittelstreckenraketen, die im Sommer schon in Moskau und St. Petersburg wichtige Ziele treffen können.1
Der Journalist Dmitri Gordon schlägt im Gespräch mit Shtilerman das Lenin-Mausoleum in Moskau oder die Geheimdienstzentrale Lubjanka vor.
Daraufhin fragte der Chef-Propagandist Solowjow im staatlichen Fernsehen, warum dieser Shtilerman noch lebt. Manchmal schreit Solowjow auch wütend ins Mikrofon, wo die vielgerühmte Luftabwehr denn sei und warum die Ukrainer Nacht für Nacht in Russland verheerende Zerstörungen anrichten können.
Perfekte Falle
Die Kosten des Krieges fressen die Reserven des Staates auf. Der Bundesnachrichtendienst (BND) schätzt Russlands offizielle Militärausgaben auf mindestens zehn Prozent des BIP (250 Mrd. Euro). Hinzu kommen „versteckte“, falsch deklarierte Kosten, womit die tatsächlichen Ausgaben bis zu 66 % höher liegen.2 Der Kreml-Oligarch Oleg Deripaska fordert nun längere Arbeitszeiten, 12 Stunden pro Tage und sechs Tage pro Woche, um die Wirtschaft vor dem Absturz zu retten.3
Der Gewaltherrscher im Kreml kann den Krieg aber nicht beenden oder an den gegenwärtigen Fronten „einfrieren“. Denn dann müsste er ja russisches Staatsgebiet aufgeben. Schließlich hat Russland am 30. September 2022 die vier ukrainischen Oblaste Donezk, Luhansk, Saporischschja und Cherson zu russischem Staatsgebiet deklariert. Doch es ist nicht abzusehen, dass es diese Gebiete besetzen kann.
Aber wie der Krieg weiter geführt werden kann, darüber herrscht allgemeine Ratlosigkeit.
Der Politikwissenschaftler Jura Barantschik beklagt im Gespräch mit der Komsomolskaja Prawda das informelle Vakuum an der Spitze des Staates. Als kommunikatives Musterbeispiel nennt er ausgerechnet den ukrainischen Präsidenten Selenskij, der mit täglichen Video-Botschaften seine Bevölkerung über wichtige Ereignisse informiert und zum Widerstand motiviert.4
Aber Selenski ist auch 25 Jahre jünger als Putin, so wie viele ukrainische Militärs und Minister einige Jahrzehnte jünger sind als ihre russischen Gegenüber. Das von Barantschik nicht namentlich genannte Staatsoberhaupt Wladimir Putin verachtet dagegen bekanntlich das Internet als CIA-Projekt und nutzt keine Mobiltelefone. Die Einschränkung und Blockade des Internets mag ihn nicht weiter stören, aber vor allem die jungen Generationen sind darüber verzweifelt. Das von Putin ignorierte Netz ist voll von Videos weinender und schimpfen der junger Russinnen und Russen.
Die Soldaten an den Fronten beklagen wie derum die Drosselung des Messengers Telegram durch die russischen Behör den und die Abschaltung der Starlink Geräte durch Elon Musk. Internationaler Austausch von Infor mationen ist Gift für denTerrorstaat. Die Wahrheit über die Zahl der Opfer darf nicht bekanntwerden. Der ehemalige «Volksgouverneur der Donezker Volks republik», Pawel Gubarew, behauptete kürzlich in einem aufsehenerregenden Interview, es sei durchaus möglich, dass bereits mehr als eine Million russische Soldaten getötet worden seien. Im Oktober 2022 hatte Gubarew den Ukrainern noch gedroht: «Wir kommen nicht, um euch zu töten, sondern um euch zu überzeugen. Aber wenn ihr nicht überzeugt werden wollt, wer den wir euch töten.Wir werden so viele töten, wie wir müssen: eine Million,fünf Millionen oder euch alle ausrotten.»
In dem Interview bestätigte er nebenbei auch, dass es ab 2014 im Donbass russisches Militär war, das gegen die ukrainischenTruppen kämpfte. Im jetzigen Interview bestätigte er nebenbei auch, dass ab 2014 im Donbas russisches Militär gegen das ukrainische kämpfte. Solowjow beschimpfte Gubarew daraufhin als Verräter und forderte dessen Verhaftung.5 Hysterisch schreiend warnt er vor Hysterie angesichts der ausbleibenden militärischen Erfolge, gibt aber selber zu, dass die Ukraine am Gewinnen ist.
Von Dämonen besessen
Der Propagandist Dmitri Steschin erklärt unterdessen, dass weitere Mobilisierungen von Soldaten nicht helfen würden, «selbst wenn man zehn Millionen mobilisieren würde», weil wegen der Drohneneinsätze der Ukrainer die meisten russischen Soldaten die Front gar nicht lebend erreichen. Der russische Z-Blogger Jegor Cholmogorow wiederum glaubt, die russischen Machthaber seien von Dämonen besessen, die sie zu absurden Handlungen und Fehlern trieben. Dies sei die einzige Erklärung für ihr «irrationales Verhalten». Er liess offen, ob er da mit auch die immer wieder aufflackern den Forderungen seiner Kollegen nach einem Einsatz von Atombomben gegen die Ukraine und gegen westliche Staaten meint, insbesondere gegen Grossbritannien oder gegen Polen.
Der wichtigste Verantwortliche in Russland für das Desaster kann den Krieg weder beenden noch in der bis herigen Intensität noch lange fortführen. An und für sich wäre das eine aus gezeichnete Verhandlungsposition für die Ukraine und den Westen, würde in Washington nicht ein selbstverliebter underratisch handelnder Putin-Freund regieren. Glücklicherweise sind die Ukrainer aber militärisch stark genug, ihre Interessen auch gegen die USA zu verteidigen. So weigern sie sich verständlicherweise, den Wünschen westlicher Protagonisten nachzukommen, die Angriffe auf Ölanlagen in Russland einzustellen. Ukrainer sind nicht bereit zu sterben, nur damit europäische Autofahrer sich beim Tanken ein paar Euro sparen.
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Chaos im Kreml
Kriegstagebuch, Poltawa, 03.05.2026
Stiller Morgen, noch kein Luftalarm. Oder habe ich einen überhört oder vergessen?
Nach dem Frühstück Presseschau. Erheiternde Schlagzeilen:
„Chaos im Kreml!1 Der Zusammenbruch Russlands steht bereits in den nächsten Monaten bevor.2 „WIR HABEN BEREITS GEGEN DIE UKRAINE VERLOREN!“3 Putin musste seine Niederlage eingestehen! Du hast den Kreml ins Chaos gestürzt: Der Diktator hatte eine solche Wendung nicht vorhergesehen.4 Der FSB demontiert Putin! Der Kreml ist abgeschottet! Es hat begonnen!5
Klar, das ist Sensationshascherei. Aber es ist inhaltlich korrekt. Es gibt dort immer weniger zu verteilen, jemand muss das Desaster verantworten, sie werden einander auffressen. Ein Fake-Staat im Selbstzerstörungsmodus, wie allgemein bekannt.
Im FSB und anderen Diensten sind die Obristen am Gefährlichsten für den Machthaber. Die noch hungrigen Fünfzigjährigen, die soziale Mittelschicht der „bewaffneten Organe“. Die Generalität ist zu satt, sie hat zu viel zu verlieren. Den Alten kann es egal sein, was die Zukunft bringt. Westler, die ruzzland nicht von innen kennen, können sich den Grad des Nihilismus gar nicht vorstellen, der im dortigen Staatswesen herrscht. Die Obristen kennen auch die gesamten Fakten, im Gegensatz zu den Generälen. Den unteren Diensträngen fehlt der Überblick, die obersten hingegen müssen die Tatsachen leugnen, sie sind die letzte Kontrollinstanz vor dem Blutsauger auf dem Zarenthron. Sicher ist, dass der Zersetzungsprozess der Zentralmacht schleichend erfolgt, bis ein Dominoeffekt zur öffentlich sichtbaren Implosion führt.
Ebenfalls ein Naturgesetz: Je verzweifelter die Einpeitscher des Krieges in ruzzland, desto absurder die Behauptungen westlicher Zeugen des Sofas, der Aggressor sei unbesiegbar.
1https://www.youtube.com/watch?v=105ZaL3vZ0k
2https://www.youtube.com/watch?v=OkjSQn7HUio
3https://www.youtube.com/watch?v=reCcDZ_3aiA
4https://www.youtube.com/watch?v=LAP0QSEJGjs
5https://www.youtube.com/watch?v=qPfs1SqqRGI
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Kriegstagebuch, Poltawa, 01.05.2026
Eine Phrase, aber eine hilfreiche: Der Krieg zeigt, was du für ein Mensch bist.
1. Beispiel.
März 2022. Ich treffe Dima auf der Straße, ein Nationalist. Er hat mich mal zu einem – halb konspirativen – Meeting eingeladen, zum Prawyj Sektor. Natürlich bin ich hingegangen, schon aus Neugierde. Wie früher in Bergwerken schlagen die Nationalisten ja oft wie „Kanarienvögel“ Alarm, sie haben feine Sinne und können Gefahren oft früher als gleichgültige oder müde Leute wittern. Sowieso respektiere ich Menschen, die bereit sind, ihr Leben für ihre Freiheit hinzugeben, also „bis zum letzten Blutstropfen“ aufrecht stehend zu kämpfen. (Nebenbei: Und weshalb mir so so viele Westler, so viele Sofa-Tiger, immer fremd geblieben sind, sprich: ich sie insgeheim verachtet habe.) Nun, unser Dima gab sich kampfbereit. Er habe geholfen Molotow-Cocktails, Pardon, Bandera-Smoothies, vorzubereiten, um die Sumpfgeschöpfe aus dem Norden angemessen zu empfangen, erzählte er mir. Ich sagte ihm, dass sie die Flaschen falsch lagern, nämlich vor dem „I love Poltawa“-Schild alle auf einem Haufen. Wenn da eine Rakete hinfliege, stünde der halbe Berg in Flammen. Er bat um Unterstützung, ich gab ihm umgerechnet 200 Euro. Und wenige Tage später war er verschwunden. Er war ins Ausland gereist. Irgendeine körperliche Einschränkung hatte ihm die Ausreise ermöglicht. Ich bin kein Richter, ich registriere es nur. Wenn ich von seinem Plan gewusst hätte, hätte ich ihm kein Geld gegeben.
2. Beispiel. Andrij, ebenfalls Nationalist. Ein unglaublich dicker Mensch. Er hatte sich als Freiwilliger gemeldet und schon gekämpft, als wir uns im Sommer 2022 auf der Straße trafen. Ich konnte mir kaum vorstellen, dass er schnell laufen konnte angesichts seiner körperlichen Fülle, zumal mit all dem militärischen Gepäck. Wenig später kam die Todesnachricht.
Wo keine Wahl ist, da ist kein Urteil, schrieb der Philosoph Jacob Taubes (wohl im Briefwechsel mit Carl Schmitt). Als Jude hätte er im III.Reich nicht in Versuchung geraten können, bei den Hitleristen zu dienen. Deshalb habe er auch nicht das Recht, Nationalsozialisten moralisch zu verurteilen.
Zweifellos harter Tobak. Die Aussage unterläuft alle Gesten der Empörung. Ich nutze sie seit langem als eine mögliche Perspektive. Jetzt in diesem Krieg gilt aber für mich: Ich habe die Wahl, ich könnte ausreisen, aber ich diene mit meinen bescheidenen Möglichkeiten freiwillig, aus vielerlei Gründen. Auch aus ganz banalen Gründen, wie etwa dem, dass es mir in Deutschland zu langweilig wäre, angesichts der dortigen schaumgebremsten Konflikte. Oder aufgrund meines Alters, weil ich schon ein fantastisch schönes Leben gehabt habe. Aber weil ich die Wahl habe darf ich jene nicht verurteilen, die sie nicht haben, die im Ernstfall sich tödlichen Gefahren aussetzen MÜSSEN, und die sich deshalb verstecken oder weglaufen. Natürlich schätze und liebe ich jene, die freiwillig bleiben und kämpfen und helfen, mehr. Oder wie ein Freund aus Kyiv neulich sagte: Man entfremdet sich. Was hat deren Leben in Prag oder Paris noch mit unserem zu tun?
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Triumph der Freiheit
Mein neuer Artikel in der NZZ:
Selbst Russlands schärfsten ideologischen Einpeitschern dämmert es, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen ist
Von einem Sieg gegen die Ukraine redet in Russland fast niemand mehr. Neuerdings herrschen Wut und Verzweiflung in Kriegsforen und Propaganda-Shows. Einpeitscher des Krieges haben verstanden, dass es nur noch darum gehen kann, eine Niederlage abzuwenden.
https://www.nzz.ch/feuilleton/zeitgeschehen/triumph-der-freiheit-ausgerechnet-russlands-schaerfsten-ideologischen-einpeitschern-daemmert-es-dass-der-krieg-nicht-mehr-zu-gewinnen-ist-ld.1933790
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B., Oblast Charkiw, 14.04.2026
Wir sind in Kramatorsk gewesen und haben befreundeten Brigaden Osterkuchen gebracht, Tarnnetze und andere nützliche Dinge. Diesmal hat uns Robert P. aus Österreich begleitet, der über unsere Arbeit für den österreichischen Standard berichten wird. Gestern haben wir sieben unserer acht Frauen-Kollektive besucht, die in den Dörfern ringsum Tarnnetze knüpfen – und auch am Ostermontag arbeiteten. Heute Nacht haben die grusligen nördlichen Nachbarn den Bahnhof von Losowa beschossen; die sogenannte Waffenruhe haben sie mehrere tausend Mal gebrochen. Leider kann ich nicht alle Fotos zeigen, weil mein E-Mail-Dienst hier blockiert ist.
Wer unsere Arbeit unterstützen möchte, der kann das jederzeit tun. Wir arbeiten mit Interbridge Nbg e.V. zusammen.
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Zweck: Hilfe Donbas
Literatur
Viktoria Sorochinski in Poltawa
Poltawa, 16.04.2026
Sehr schöner, entspannter Abend gestern mit der genialen und bezaubernden Viktoria Sorochinski. Genial sage ich bewusst, weil mir oft der Atem stockt, wenn ich ihre Fotos ansehe. Faszinierend, wie sie mit Licht und Farben arbeitet, faszinierend die Kontraste, die Perspektiven, die Inszenierungen. Eines der meines Erachtens schwierigsten fotografischen Genres, das Fotografieren von Natur im weitesten Sinne, im Besonderen von Bäumen, Sträuchern, also fotografischem „Gestrüpp“, beherrscht sie meisterhaft. Die von ihr fotografierten Menschen sind IMMER SCHÖN, egal, wie alt sie sind oder wie sie ohne Viktorias magische Kamera aussehen.
Viktoria lebt heute meistens in Berlin, nach Aufenthalten und Studien in der ehemaligen Sowjetunion, Israel, Kanada und den USA, wo sie ihren Master of Fine Arts an der New York University erwarb. Nach Poltawa kommt sie seit Jahren regelmäßig. Der Ort habe eine magische Kraft für sie, erzählte sie gestern. Als sie zum ersten Mal hier war, erzählte ihr ihre Mutter, dass ihre Großmutter hier geboren wurde, was sie bis dahin gar nicht gewusst (oder wieder vergessen?) hatte. Sie hat viele Menschen aus Poltawa porträtiert, vor allem lokale „Berühmtheiten“ mit einzigartigen Geschichten (darunter auch meine Wenigkeit).
Auf ihrer Homepage erfährt man: „Ihre Arbeiten wurden in über 90 internationalen Publikationen veröffentlicht und rezensiert, sie hat über 85 Einzel- und Gruppenausstellungen in 25 Ländern Europas, Nord- und Südamerikas sowie Asiens realisiert. Sie ist außerdem Preisträgerin und Finalistin von über 50 internationalen Wettbewerben, Stipendien und Auszeichnungen, darunter der Arnold-Newman-Preis, der Leica-Oskar-Barnack-Preis» und andere renommierte Preise.
Siehe Fotos auf ihrer Homepage, Link im 1. Kommentar.
https://www.viktoria-sorochinski.com/
Literatur
Plato, Höhlengleichnis
Poltawa, 16.04.2026
Platos sadistisches Höhlengleichnis ist voller schiefer Metaphern und falscher Tatsachenbehauptungen. Von Kindheit an gefesselt an Hals und Schenkeln sollen die Höhlenmenschen sein, sie können nur nach vorne sehen, obwohl doch klar ist, dass man dieser Weise nicht überleben könnte.
Auch ist die Behauptung unsinnig, dass die Menschen jede Form von Wirklichkeit in gleicher Qualität oder Intensität sehen. Ein Tierarzt kann eine kranke Kuh besser untersuchen und evtl. heilen als Donald Trump. Ich weiß mehr über die Ukraine als Zeugen des Sofas unterm deutschen Weinhachtsbaum.
Platos gefangene Menschen sehen alles gleich, wissen über alles gleich viel oder wenig. Sie sehen nur etwas auf eine Wand projektiertes, Schatten der Wirklichkeit, Illusionen, Einbildungen. Sie halten die Schatten für das Wahre, diese Dummchen. Angeblich sollen Platos Höhlenmenschen miteinander reden, ohne sich ansehen zu können, da sie ja alle nur nach vorne sehen können. (Erinnert an die Folter in Franz Kafkas „Strafkolonie“.)
Falls nun einer der Höhlenmenschen GEZWUNGEN werden würde aufzustehen, den Hals auch mal zu drehen und gegen das Licht zu sehen, so hätte er „wegen des flimmernden Glanzes“ IMMER Schmerzen, – in seiner vorherigen Position als Gefesselter aber offenbar nicht? Jetzt soll er die Dinge nicht richtig erkennen können, weil ihn das Licht blendet. Wenn ihm aber jemand versichern würde, er hätte als Gefesselter nur Schatten gesehen, jetzt aber sähe er richtig, dann wäre doch der Höhlenmenschen verwirrt, weil er die Schatten so lange für Wirklichkeit gehalten hätte.
Mit diesem sadistischen Gedankenexperiment wird also gezeigt, dass Menschen sich an ihre Vorurteile, „Voreinstellungen“, gewöhnen; wie sie sich selbst betrügen. Alle in gleicher Weise. Angeblich der Höhlenmensch nach dieser Erkenntnis lieber angekettet seine Vorurteile genießen, als den Schmerz zu ertragen, seine Gedankenwelt korrigieren zu müssen. Ans Licht müsse man ihn mit Gewalt tragen.
Ergo: Wie gut, dass ich kein Höhlenmensch bin!
Russland - Ukraine
Die Patt-Apostel
Poltawa, 17.04.2026
Das ist die unfreiwillig komischste Formulierung, die ich im Zusammenhang mit dem inflationär und faktisch immer falsch gebrauchten Patt-Begriff bisher gelesen habe:
„Es gibt eine Patt-Situation an der Front, die momentan sich für die Ukrainer eigentlich verbessert hat und für die Russen verschlechtert.“
Oberst Reisner bei ZDF heute live „Ukraine: Patt gegen Putin durch Kampfroboter und Drohnen“
Eine Patt-Situation kann sich gar nicht mehr verändern. Ein Patt ist im Schach ein Unentschieden, das entsteht, wenn der Spieler keinen (legalen) Zug mehr ausführen kann, sein König jedoch nicht im Schach steht, also nicht geschlagen zu werden droht. Im übertragenen Sinne bezeichnet eine Patt-Situation eine festgefahrene Situation ohne Ausweg. Die Betonung liegt auf „ohne Ausweg“. Im Falle eines Patts würde sich an der Front nichts mehr ändern, der Krieg wäre beendet, der Kreml unfähig Entscheidungen zu treffen, also gelähmt, der Kreml-Herrscher aber nicht geschlagen, nicht tot.
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Verzweiflung in Moskau
Poltawa, 20.04.2025
Man hört oft die Behauptung, die meisten Menschen in der Ukraine reagierten gar nicht mehr auf das Heulen der Sirenen, auf Luftalarme.
Was mich angeht, so stimmt diese Behauptung nicht. Ich gehe zwar fast nie in Luftschutzbunker, wie vor vier Jahren. Aber ein atheistisches Stoßgebet schicke ich eigentlich immer zum Himmel, wenn vor anfliegenden Raketen- oder Drohnen gewarnt wird. Ich fluche auf der Straße. Ich sehe zum Himmel. Die „Mopeds“ sind ja mittlerweile fast jeden Tag zu hören.
Nastja, eine junge Frau aus unserem Kulturzentrum, wurde bei solch einem Angriff in Poltawa getötet. Ich sehe ihr Gesicht vor mir, erinnere mich an unser letztes Gespräch, an ihre höflichen Fragen. Solch ein kluger, engagierter Mensch. Eine ihrer besonderen Gaben: zwischen Künstlern und Behörden zu vermitteln, Vereinbarungen zu treffen, Ideen zu erklären. Sie verstand beide Seiten und deren Interessen, wurde mir erzählt. Und dann, der Schock – ermordet, begraben unter Trümmern.
So kann es jede und jeden treffen in diesem verfluchten Krieg, faktisch Tag und Nacht. Einer der beiden Freiwilligen aus der Schweiz, die uns das gespendete Auto für Invaliden brachten, meinte zu mir in Lviv, seine größte Angst hier im Kriegsgebiet sei es, schwer verletzt zu werden, nicht, getötet zu werden. Das sagt sich leicht; wahrscheinlich könnten viele diesen Satz unterschreiben. (Meine einzige Angst, falls meine Selbstbeobachtung stimmt: in Gefangenschaft zu geraten. Aber wahrscheinlich würde mein Herz schnell versagen; ohne Medikamente sowieso.)
Ich habe mal wieder einen Artikel für die NZZ geschrieben, über die Verzweiflung und Wut in ruzzlands Kriegsforen und Öffentlichkeiten. Herrlich, wie sie dort inzwischen verstanden haben, dass sie „am Ar …“ sind. Wie ich es vom ersten Tag an gesagt habe: Sie können die Ukrainer nicht besiegen. Niemals. Quantität ist eben nur ein Faktor von mehreren gleichwertigen, wie Intelligenz, Selbstachtung, Fähigkeit zur Selbstkritik, Erfindungsreichtum, Humor etc. Aber das ist ja nichts Neues, außer für Zeugen des Sofas.
Einziges Rätsel derzeit im Sumpfland im Norden: Dass viele Einpeitscher des Krieges jetzt „defätistische“ Äußerungen wagen, für die sie vor Kurzen noch in den Knast gekommen oder vom Balkon geflogen wären. Mark Feygin meinte Samstag im Gespräch mit Dmitri Gordon, das sei nur mit Rückendeckung des FSB möglich. Quasi, der „KGB bereitet putlers Ablösung vor“. Wir werden es sehen. Aber (moralisches) Sumpfland bleibt das Land der Sümpfe.
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Das Wichtigste wird gern übersehen
Poltawa, 27.03.2026
Historiker: «Der Anspruch auf die Ukraine wird von Putin nicht imperialistisch begründet, sondern nationalistisch, weil er behauptet, sie gehöre zu seiner Nation. Er spricht hier nicht vom russischen Imperium, er spricht von der russischen Nation. Insofern ist seine Argumentation nationalistisch und nicht imperialistisch.»
Die materiellen Gründe wird er nicht nennen. Allein der Gesamtwert der ukrainischen Bodenschätze wird auf ca. 15 Billionen US-Dollar geschätzt. ruzzlands bisherige direkte Kriegskosten belaufen sich wohl auf ca. eine halbe Billion Dollar.
Mit imperialistischen Begründungen kann der Gewaltherrscher im Kreml den Feind nicht verwirren. Äußerungen wie „ruzzlands Grenzen enden nirgendwo“ oder „ruzzland ist dort, wo Russisch gesprochen wird“ haben aber durchaus imperialistischen Charakter.
Die nationalistischen Rechtfertigungen klingen noch am ehesten glaubhaft, vor allem für Zeugen des Sofas, die Land und Leute nicht kennen.
Letztlich gilt: Schei … egal, wie er etwas begründet.