Russland - Ukraine
«Deutschland hat die imperialistische Politik des Kremls mehrheitlich unterstützt»
NZZ, 01.02.2026: Mehr als bloss ignorant: «Deutschland hat die imperialistische Politik des Kremls mehrheitlich unterstützt», sagt der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk
„Deutschland fällt es bis heute schwer, Russland als Aggressor zu begreifen. Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk erklärt, wie die Verklärung von Gorbatschow, Schuldgefühle und ein grundlegendes Unverständnis Russlands zu einer fatalen Realitätsverweigerung geführt haben.“
Verquikung von Welt- und persönlicher Geschichte in wenigen Zeilen:
NZZ: „Warum kümmerte dies eine Mehrheit nicht (ruzzlands Überfall 2014 auf die Krim)?»
Ilko-Sascha Kowalczuk: „Weil die deutsche Öffentlichkeit das als einen innersowjetischen Konflikt sah, als einen Bruderkrieg. Man hat gar nicht gewusst, dass die Ukraine das grösste Land Europas ist, wo dieses Land überhaupt liegt oder wem die Krim gehört. Dabei sind die Staatsgrenzen beim Budapester Memorandum 1994 von allen akzeptiert worden. Mir tut das besonders weh. Ich habe einen ukrainischen Grossvater, der für seinen Kampf um eine freie Ukraine zum Tode verurteilt worden ist. (!) Doch in der DDR war ich für alle der Russe. (!) Die (Ostdeutschen) haben die Sowjetunion so gehasst, dass es vollkommen wurst war, ob man aus Tadschikistan, Russland oder der Ukraine stammte.»
Schreckliche Ein- und Aussichten:
Ilko-Sascha Kowalczuk: „… die meisten Menschen im Osten (Deutschlands) haben nie gelernt, dass man sich in einer freiheitlichen Demokratie selber um die Probleme kümmern muss. Die erwarten immer noch, dass der Staat alles für sie regelt. Und so schimpfen alle und kommen aus diesen Erregungsspiralen nicht heraus. Einen Ausweg aus dieser Destruktionswut sehe ich ehrlich gesagt nicht. Wir stehen an der Pforte zum autoritären Zeitalter. …
Wenn Putins Armee morgen vor Warschau stünde, hätte Deutschland ein Riesenproblem. Die Mehrheit würde kapitulieren und weisse Flaggen hissen. Und diejenigen, die Widerstand leisteten, würden gehasst.»
Politik und Gesellschaft
„Vergeltungswaffen“
Joerg Drescher, Kyiv:
„Laut des Sprechers der russischen Staatsduma, Wjatscheslaw Wolodin, wollen Mitglieder des russischen Parlaments den Einsatz sogenannter „Vergeltungswaffen“ gegen die Ukraine fordern. Das deshalb, weil Selensky keinen Bock hat, nach Moskau zu reisen.
KI nach den deutschen „Vergeltungswaffen“ aus dem 2. WK gefragt:
Die deutschen Vergeltungswaffen (V-Waffen) waren Fernwaffen, die im 2. WK (vor allem ab 1944) als „Wunderwaffen“ gegen alliierte Städte, insbesondere London und Antwerpen, eingesetzt wurden. Die V1 (Fieseler Fi 103) war ein Marschflugkörper, die V2 (Aggregat 4) die erste funktionsfähige ballistische Rakete. Ihr Einsatz blieb militärisch wirkungslos. Kein Kommentar.“
Russland - Ukraine
Heilige Einfalt (Leider ekliges Thema)
Kriegstagebuch, Poltawa, 31.01.2026
Dieser junge deutsche Mann (Podcaster Ole Nymoen) würde lieber unter ruzzischer Besatzung leben, als gegen die ruzzen zu kämpfen – „für den deutschen Staat“, wie er sagt; „für seine Nächsten und Liebsten“ würden nicht verblendete Menschen sagen.
„Sie glauben, dass, wenn dort Frieden irgendwann (ent-)steht, dass dann permanent alle weiter vergewaltigt und massakriert werden?“, fragt er. (ab min. 15:25)
1. Die Besatzer fürchten aber, dass jeder Nicht-ruzze ein Feind sein kann, also kann ihrer Meinung nach auch jeder massakriert werden.
2. Der junge Mann ist nicht hässlich, ihn werden die Besatzer womöglich lieber vergewaltigen als einen Opa wie mich.
3. Einen Mann oder eine Frau zu massakrieren, kann viele andere einschüchtern. Deshalb: Schon um zu zeigen, dass sie jedes Verbrechen straflos begehen können, werden die Besatz dies tun. Und weil es ihrer „Kultur“ entspricht. Und das ist keine Frage des Glaubens.
Ein Mensch mit Selbstachtung könnte einfach sagen: Allein, um diese Risiken zu vermeiden, kämpfe ich für meine Freiheit und Selbstbestimmung, und für die meiner Nächsten und Liebsten, meiner Nachbarn und Mitmenschen. Egal, ob das Staatswesen nun seinen Idealen entspricht oder nicht.
Literatur
Ein Gummirücken. Erinnerung.
Kriegstagebuch, Poltawa, 27.01.2026
90er Jahre, Buchmesse in Frankfurt. Der Cheflektor eines großen Verlages bringt den jungen Autor zu einem Interview mit dem Deutschlandfunk. Eine Premiere für den Neuling, ein Live-Interview. Er fürchtet zu stottern, keine verständlichen Antworten geben zu können, sich zu verheddern. Der Cheflektor grüßt auf dem Weg dorthin alle paar Meter jemanden, bekannte Journalisten und Autoren; manche Gesichter kennt der junge Mann aus dem Fernsehen oder von „publikumswirksamen“ Veranstaltungen.
Der Cheflektor tröstet unterwegs eine Literaturagentin, die soeben in einer der wichtigsten Zeitungen des Landes als korrupt und intrigant dargestellt worden war. Es ist in diesem Moment der lauteste Skandal der Messe, im Literaturbetrieb kennt fast jeder diese Frau und ihren großen Einfluss. Sie arbeitet mit dem auflagenstärkstem Buchkonzern zusammen, ihr Gatte ist Leiter eines weltweit arbeitenden Kultur-Instituts. Der Cheflektor bezeichnet den Artikel als Schweinerei und Frechheit, er sei voller haltloser Anschuldigungen. Die Frau dankt für den Zuspruch, der junge Autor blickt diskret zu Boden. Freundlicher Abschied, man sieht sich.
Nach wenigen Minuten treffen die beiden ungleichen Gestalten den Autor dieses Artikels. Der Cheflektor gratuliert ihm zu seinem Mut und zu seiner gedanklichen Klarheit. Es sei wichtig, auf die „Kollision von Interessen“ hinzuweisen. Denn im Literaturbetrieb werde zu viel gemauschelt.
Der junge Autor blickt zuerst wieder diskret zu Boden, dann dem Skandalautor ins Gesicht. Der Mann ist kaum älter als er, und er hat jetzt „fast alle seine Karrierechancen verschenkt“, wie der Cheflektor im Gespräch mit der beschuldigten Agentin gemeint hatte. Jetzt sagt der Lektor dem Autor, dass dessen Karriere „wie eine Rakete abgehen“ werde. Er habe jetzt für immer einen Namen im Literaturbetrieb.
Der junge Autor weiß nun, was das Wort seines Cheflektors wert ist, nämlich weniger als nichts. Jetzt bereut er, dass er mit diesem Verlag einen Buchvertrag unterzeichnet hat. Der Chef kommentiert seinen Verrat nicht, nachdem sie sich vom Skandalautor verabschiedet haben.
Der junge Autor erzählt in dem Interview tatsächlich ziemlich wirres Zeug, er verstolpert einige Sätze, seine Stimme zittert.
Russland - Ukraine
Mein Schatz an Erfahrungen
Neun Jahre bin ich durch die Ukraine geradelt, fast 30.000 Kilometer. Manchmal fragten mich Menschen komische Dinge. Zum Beispiel: Ob das nicht langweilig sei, so allein durchs Land zu radeln. Die kurze, freche Antwort hätte natürlich lauten können: „Aber ich bin doch nicht allein, ich rede doch jetzt mit Ihnen!“
Außerdem bin ich gern mit mir allein. Mein Rekord: Drei Wochen, ohne eine Menschenseele zu sehen – im Sommer 1989 in einem Weiler in Mecklenburg-Vorpommern, damals Bezirk Mecklenburg. Manchmal fühlte ich mich wie besoffen von meinen Lektüren,
die Barpianisten und Tanzlehrer hießen Nietzsche, Marx, Kleist.
Seitdem weiß ich: das Alleinsein ermöglicht ein rauschhaftes Leben, eine Reise zu sich selbst, zu ganz neuen Erkenntnissen. Ich schrieb mein erstes Buchmanuskript „Die Anatomie des Scheins / Weshalb der Sozialismus nicht reformierbar ist“. Letztlich nur eine Schreib- und Denkübung, aber ich erschrieb mir Selbstbewusstsein für künftige Bücher. Als ich das Manuskript dann nach der Erstürmung der Mauer einem Hamburger Verlag anbot, bekam ich von dort am 3. Januar 1990 die Antwort: „Wir möchten ein Manuskript, das alle stattfindenden Versuche, den Sozialismus zu reformieren, von vorneherein zum Scheitern verurteilt, DERZEIT nicht veröffentlichen.“ Typisch Westen, Westdeutschland, geistige Provinz, dachte ich. Wenn das Scheitern nicht mehr zu leugnen sein wird, wird man bereit sein Trauer-ARBEIT zu leisten / die Ursachen des Scheiterns zu erkunden.
Beim Radfahren durch die Ukraine hielt ich gerne Reden vor nicht vorhandenem Publikum, vor den Kühen und Ziegen am Straßenrand. Manchmal biss ich mir spaßeshalber ins Knie, um nicht laut zu lachen über den Unsinn, den ich unterwegs in deutschen Zeitungen über die Ukraine las. „Gespaltenes Land“ usw.
Tatsächlich fühlte ich mich nirgendwo so frei wie hier. Im Gegensatz zu ruzzlan d kontrollierten mich hier keine „Sicherheitsdienste“. Manchmal provozierte ich Menschen gern, die über die politischen und ökonomischen Gegebenheiten schimpften: „Ihr müsste eine Revolution machen!“ – was sie dann ja auch taten.
Poltawa wurde schnell meine Lieblingsstadt, weil ich hier produktive, Fantasie-begabte, unangepasste Künstler traf, den „Poltawaskij Underground“. (Ganz tragisch der eine Abend mit Mario, der kurz darauf ermordet wurde. Dabei wollten wir doch zusammen einen Film machen.)
Warum erzähle ich das? Tja, leider habe ich den Schreibanlass / die Pointe vergessen. Ging es ums Verhältnis Alleinsein – „soziale Kontakte“? Jeder Mensch ist ein Kosmos …
Politik und Gesellschaft
Seltsame Zahlen
In Deutschland wird der Umfang der Schattenwirtschaft auf 538 Milliarden Euro geschätzt. 2025 wurde demnach das größte Ausmaß seit mehr als zehn Jahren erreicht. Das Verhältnis von Schattenwirtschaft zum offiziellen Bruttoinlandsprodukt wachse damit von 11,4 auf 11,6 Prozent.
Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) Deutschlands beträgt laut Internationalem Währungsfonds (IWF) im Jahr 2025 5,01 Billionen US-Dollar.
Das ukrainische BIP für 2025 wurde auf rund 209,7 Milliarden US-Dollar geschätzt. Die Schattenwirtschaft in der Ukraine wird oft geschätzt auf 21,7 Mrd. USD.
Somit betrüge das Verhältnis des BIP Deutschland – Ukraine 24 zu 1, die Schattenwirtschaft 24,7 zu 1.
Allerdings findet man unterschiedliche Zahlen.
Danylo Hetmantsew, Leiter des Finanzausschusses der Werchowna Rada, erklärte, dass der Schattensektor auf 800-900 Mrd. UAH (21,7 Mrd. USD) geschätzt wird. Das sollen etwa 30-50% der Wirtschaft sein, wobei einige Sektoren mehr als 60% ausmachen. (Was gemessen am BIP nicht stimmen kann.) In den europäischen Ländern macht die Schattenwirtschaft nur etwa 5-7% aus“, erklärte der Politiker.
Laut dem Ernst & Young Global Shadow Economy Report wird die Schattenwirtschaft in der Ukraine auf 19,3 % des BIP geschätzt, was etwa 34,5 Milliarden US-Dollar entspricht. (Das hätte ich auch geschätzt.)
Laut Ukraine Buisness News vom 25.06.2025 schätzten Forscher den Anteil der Schattenwirtschaft in Indien im Jahr 2023 auf 26,1 %, in China auf 20,3 %, in Polen auf 9,7 %, in Italien auf 7,8 %. (Italien weniger als in Deutschland wäre, ebenfalls kaum glaubhaft.)
Laut FAZ vom 27.01.2026 dürfte in der EU das höchste Niveau der Schattenwirtschaft Griechenland mit 21,6 Prozent der Wirtschaftsleistung erreichen, das geringste die Schweiz mit 5,3 Prozent. Ukraine also laut Ernst & Young geringer als Griechenland.
Russland - Ukraine
Hilfsmotor u.a.
Kriegstagebuch, Poltawa, 26.11.2026 (Geburtstag meines Erzeugers, der heute 90 Jahre alt geworden wäre. Verflucht sei seine Asche.)
Heute war ich im Krankenhaus in Poltawa. Mein amerikanischer Hilfsmotor fürs Herz wird überprüft. Alles in Ordnung. Ich frage den Arzt, ob ukrainische Patienten für solch ein Teil bezahlen müssten. Er verneint. Das Problem sei nur, dass man längere Zeit warten müsste. In Deutschland gibt es nicht genug Ärzte, bei uns nicht genug Herzschrittmacher, sagt er.
Woher weiß er das, falls es stimmt? Meines Wissens fehlen in Deutschland Hausärzte. Aber Kardiologen? Keine Ahnung. Ich hatte im letzten Jahr sowieso Glück. „Mein“ Berliner Kardiologe ist zufällig ein früherer Schachfreund, er besorgte mir bequeme Termine. „Mein“ Berliner Hausarzt, der mich an den Kardiologen überwies, meinte, das sei kein Glück, sondern Schicksal.
Der Hausarzt ist gar nicht „zufällig“ ein Facebook-Freund. Er bot sich mir bei meiner Veranstaltung in der Immanuelkirche als Hausarzt an, was ja auch ziemlich erstaunlich ist. „Du willst doch putin noch ein paar Jahre ärgern“, argumentierte mir. Ohne ihn hätte ich mich in Deutschland nicht untersuchen lassen. Ein witziger Typ, als Arzt sehr gewissenhaft, hilfsbereit, geradezu fürsorglich. Und – er ist ein Ukrainer! Eine seiner Töchter arbeitet noch in Sumy. Er hilft mir wohl (in besonderem Maße), weil ich hier helfe.
Was im Krankenhaus mal wieder „ein bisschen komisch“ war: die Kommunikation. Der Arzt, der mich zur Untersuchung brachte, redete nicht mit mir, sondern zeigte mit Handzeichen, wohin wir gehen sollen. Aber als ich dann mit dem älteren Arzt während der Untersuchung plauderte (ihn interviewte), da wurde auch der jüngere Arzt gesprächig. Meine Frage, ob sie nur den gegenwärtigen Zustand des „Stimulators“ sehen oder auch „das Archiv“, beantwortet er sogar mit einem längeren Satz.
Der Taxi-Fahrer am Morgen ebenso: Zuerst war er maulfaul (schönes Wort; benutzt das noch jemand in Deutschland?), dann wünschte er mir sehr höflich, dass alle meine „Ideen und Pläne“ für den heutigen Tag gelingen mögen.
Thema „Wärme, Strom, Wasser“: Ich habe schon ein schlechtes Gewissen, aber ich habe die ganze Zeit alles in Poltawa; nur an einem Tag wurde nicht geheizt.
Thema „Arbeit als Freiwilliger“: Dank der GÖTTLICHEN SÄNGERIN Christina Daletska konnten wir in diesem Monat VIER Autos kaufen / ins Frontgebiet bringen !!! Und ein Auto konnte ich für die Territorialverteidigung Poltawa kaufen. Dafür musste ich 12 Tage lang am Geldautomaten das Limit ausschöpfen und letztlich ein Kilogramm Geld übergeben. Und hoffentlich in dieser Woche bekommen wir noch ein spezielles Auto für Invaliden, das ich in Lviv abholen soll. „Hinter den Kulissen“ sind wir also bienenfleißig.
Demnächst ist noch der Ankauf / Transport von Powerbanks im Wert von 10.000 Euro zu organisieren. Der Chef der Spender ist, so sagte man mir, „ein Fan von mir“ – was auch immer das bedeutet.
Und ein Kollege aus Österreich möchte mich besuchen und ein Porträt über mich schreiben. Das irritiert mich. Ich wüsste nicht, was es über mich zu berichten gibt.
Politik und Gesellschaft
Pariser Party-Gespräche aus dem 19. Jahrhundert
Poltawa, 14.01.2025
Sozusagen Smalltalk von damals. Auffällig: mit einigen Ideen und Trends der heutigen Zeit haben sich diese Leute auch schon abgeplagt und amüsiert.
„Heute, am Endpunkt der Zivilisation, hat unsere Gesellschaft die Macht den Einflußbereichen gemäß aufgeteilt, und wir haben nun Machtgruppen, die da heißen: Industrie, Gedanke, Geld, Wort. Die Macht, die keine Einheit mehr hat, schreitet unaufhörlich einer sozialen Auflösung entgegen, der nur noch vom Eigennutz eine Schranke gesetzt wird.“ (!)
»Der Verstand hat alles getötet!« rief der Karlist. »Hören Sie auf, die unbeschränkte Freiheit führt die Völker zum Selbstmord, sie langweilen sich in ihrem Triumph wie ein englischer Millionär.« (Sie amüsieren sich zu Tode.)
»Was sagen Sie uns Neues? Heutzutage findet man jegliche Macht lächerlich», (Ressentiments) „und das ist ebenso üblich geworden, wie Gott zu leugnen. Man hat keinen Glauben mehr. Darum ist auch das Jahrhundert wie ein alter Sultan der Ausschweifung erlegen. Schließlich hat euer Lord Byron in letzter poetischer Verzweiflung die Leidenschaft des Verbrechens besungen.« (Netflix, Drogen“barone“ als positive Helden)
»Wissen Sie«, antwortete ihm der volltrunkene Bianchon, »daß uns ein Gran Phosphor mehr oder weniger zum Genie oder Bösewicht, zum Mann von Geist oder zum Idioten, zum tugendhaften Menschen oder zum Verbrecher macht?«
»Kann man so von Tugend reden?« rief Cursy; »der Tugend, dem Gegenstand aller Theaterstücke, der Lösung aller Dramen, dem Fundament aller Gerichtshöfe.“
»Ja, Verehrter, die gegenwärtige Regierung repräsentiert die Kunst, die öffentliche Meinung herrschen zu lassen.«“
»Die öffentliche Meinung? Das ist doch eine ganz lasterhafte käufliche Dirne. Wenn man euch Männern der Moral und Politik zuhört, so müßte man stets eure Gesetze der Natur, die öffentliche Meinung dem Gewissen vorziehen. Geht mir, alles ist wahr, alles ist falsch!“ (! – das Phantom der Postmoderne lässt grüßen)
»Kant, Monsieur? Auch so ein Ballon, den man aufsteigen ließ, um die Flachköpfe zu amüsieren. Materialismus und Spiritualismus, das sind zwei hübsche Rackets, mit denen Scharlatane in Roben denselben Ball schlagen.» (! – Liberalismus und Esoterik)
„Ob Gott in allem sei, wie Spinoza sagt, oder ob alles von Gott kommt, wie Sankt Paulus sagt … Dummköpfe! Eine Tür öffnen oder schließen, ist das nicht dieselbe Bewegung? Kommt das Ei von der Henne oder die Henne vom Ei? (Reichen Sie mir mal den Entenbraten!) Das ist die ganze Wissenschaft.«
Aus „Gesammelte Werke: Realistische Gesellschaftsporträts aus Paris und Frankreich des 19. Jahrhunderts: Charakterstudien, Bourgeoisie, Melancholie, Verhängnis“ von Honoré de Balzac
Russland - Ukraine
Geigen für Charkiw
Kriegstagebuch, Poltawa, 19.01.2026
Urban kam heute Nacht aus der Schweiz „hereingeschneit“, einer dieser stillen Helden. Wieder bringt er eine Fuhre nützlicher Dinge nach Charkiw. Beispielsweise Musikinstrumente !!! Für die dortige Akademie der Künste, für junge Künstler. Geigen, Klaviere, Schlagzeuge, super teure elektronische Technik. In Charkiw besucht er dieser Tage ein Konzert mit „seinen“ Instrumenten; Ehrengast ist der Bürgermeister. Gutherzige Menschen aus der Schweiz spendeten Instrumente und natürlich auch Fränkli.
Urban wollte gestern am frühen Abend ankommen, aber der Diesel in seinem Automotor war „eingefroren“. In Kamjanez-Podilskyj, wo er zuletzt übernachtet hatte, waren es nachts minus 25 Grad gewesen. Es gibt speziellen Diesel für starke Fröste zu kaufen, aber das wusste er nicht, ich auch nicht. So kündigte er seine Ankunft für ein Uhr morgens an. Zur Sperrstunde! Aber gut, ein Freiwilliger aus der Schweiz, mit Schweizer Kennzeichen am Auto und am Anhänger, dazu dem Slogan „Ukraine help“, da bekommt er natürlich von jedem Hilfe, auch während des nächtlichen Fahrverbots.
Gestern Nacht funktionierte das GPS nicht, wahrscheinlich wegen Luftalarm, der Gefahr der Raketenangriffe. Und die Stadt war dunkel, es wird ja jetzt endlich konsequent Strom gespart – die Geschäfte sollen keine Reklame beleuchten, was meines Erachtens schon längst hätte befohlen werden sollen. Urban rief mich von einer Tankstelle am Stadtrand an. Er dachte, ich könnte ihn von dort mit dem Auto ins Zentrum lotsen. Aber ich besitze ja kein Auto, nur ein Fahrrad.
Also bat ich den Tankwart am Telefon, Urban die Fahrstrecke aufzuzeichnen, die ja „eigentlich“ ganz einfach ist – immer geradeaus, dann 500 Meter nach links. Aber im Dunkeln und ohne GPS für einen Fremden eben doch nicht. Nach einer Stunde kam er endlich an! Eine Militärstreife hatte ihm geholfen, zwei junge Männer, die im Charkiwer Gebiet arbeiten. Die freuten sich, helfen zu können, und fanden es ein bisschen verrückt, dass ein Schweizer und ein Deutscher nachts humanitäre Güter durch die Stadt transportierten – diesmal vor allem Ausrüstung für die Feuerwehren in Charkiw, auch Schutzkleidung. Wir verstanden uns mit den Soldaten „auf Anhieb“ ausgezeichnet – man tauscht die Codes aus und überlegt, wie man einander helfen kann, auch nachts auf der Straße, während die Atemluft gefriert.
Urban wollte gleich schlafen, das war mir recht, halb drei Uhr nachts. Am Morgen beratschlagten wir, wie wir in Zukunft besser zusammenarbeiten können. Einen gespendeten Invaliden-Transporter sollen wir Ende des Monats bekommen, ich werde ihn wohl in Lviv abholen. Urban braucht für die großen Fuhren, die großen LKW, ein zwei sichere Stellplätze zwischen der Grenze und Poltawa. Ein „ergiebiges“ Thema war natürlich auch die Bürokratie im internationalen Transportwesen, wobei es ja Unterschiede zwischen der Schweiz und Deutschland gibt, wegen der Schweizer Neutralität. Schweizer dürfen auf keinen Fall das Militär unterstützen, wohl auch nicht mit Autos für Verwundetentransporte, das widerspricht dem humanistischen Geist, weil diese Fahrzeuge ja auch militärisch genutzt werden können (Dual-Use-Güter).
Alle Freiwilligen, mit denen ich regelmäßig zusammenarbeite, haben etwas gemeinsam. Sie „brennen für die Sache“. Sie fahren tage- und nächtelange durch Winterstürme, um Geigen nach Charkiw zu bringen, in eine zweifellos gefährliche Stadt. Oder sie spenden ihre gesamten Ersparnisse, 200.000 Euro, oder sie nehmen für 18.000 Euro Kredite auf, um Autos für die Brigaden zu kaufen. Keine Aufgabe ist zu schwer, als dass sie nicht bewältigt werden könnte. Man prüft ständig neue Möglichkeiten. Da alle freiwillig und kostenlos arbeiten, gibt es auch keinen „Hickhack“, keine blöden Rangkämpfe oder Eitelkeiten. Wie gesagt, unter denen, mit denen ich regelmäßig zusammenarbeite.
Alle träumen auch mal über die Zeit nach dem Krieg. Dann wollen die Schweizer Spender, unter ihnen viele Musiker, nach Charkiw fahren und dort Meisterkurse geben. Oder Ukrainer wollen als Gruppe durch Europa reisen und historische Sehenswürdigkeiten endlich einmal selbst sehen. Also in einer fernen Zukunft.
Russland - Ukraine
„ruzzische Welt“ – wenn Psychologen weinen
07.01.2026
Für einigermaßen kultivierte Menschen ist es unbegreiflich, wie (und wo!) ruzzische Folterknechte ukrainische Gefangene quälen, ob Soldaten oder Zivilisten. Immerhin lehren solche Beispiele auch, dass sowohl die Ukraine als auch der Reste-Westen nicht bloß „westliche Werte“ verteidigen müssen, nicht bloß Moral und Freiheit, sondern vor allem anderen schlichtweg sich selbst, ihr Überleben. Krieg ist nun einmal arbeitsteiliger Kampf um Leben und Tod, ob einem das gefällt oder nicht.
«Alexey überlebte Elektroschocks, ständige Schläge und Schlafentzug. Ihm wurden Zähne gezogen, Nase und Wirbel gebrochen und Muskeln aus den Schultern gerissen, und das war nur ein Teil der Folter. Am schlimmsten war für ihn der unstillbare Hunger, der ihn dazu trieb, Ratten, Seife und sogar Schimmel zu essen. In Gefangenschaft verlor Oleksiy 40 Kilogramm an Gewicht und 7 Zentimeter an Körpergröße.»
Trotzdem fand der Mann die Kraft, seine Erlebnisse zu teilen, damit die Welt von den Verbrechen der Russen erfuhr. Alexey schrieb das Buch „Jingle Bellz“, in dem er seine Gefangenschaftserfahrungen beschrieb und reflektierte.
Als ich bereits im Zentralen Kursk-Gefängnis war, wurde ein Zivilist namens Andrij, der in Lukaschiwka gefangen genommen worden war, drei Tage lang in eine Zelle gesperrt. Er berichtete, die Russen hätten ihn in eine Folterkammer gebracht, die sie in der örtlichen Kirche (!) des Moskauer Patriarchats eingerichtet hatten.“ …
Oleksijs Vater und sechs weitere verwundete Soldaten wurden in einer Kirche lebendig verbrannt. Seine sterblichen Überreste wurden später durch DNA-Analysen identifiziert und erneut beigesetzt. …
Den Gefangenen wurde eine Minute zum Essen gegeben. Da Oleksiy eine Kieferverletzung hatte, fiel ihm das Kauen schwer, und er schaffte es irgendwie nicht, das Brot zu essen. Dies fiel dem Wärter auf, der daraufhin anordnete, dem Mann zur Strafe die Zähne zu ziehen. …
„An dem Tag hatte ich Dienst in der Zelle. Ein Wärter fragte, ob orthodoxe Christen unter uns seien. Ich antwortete, dass alle orthodox seien. Daraufhin sagte er: ‚Vielleicht möchten Sie heute ein Ei?‘ Ich war sehr überrascht. Ich sagte: ‚Wenn es klappt, wären wir Ihnen sehr dankbar.‘“
Zum Mittag- und Abendessen gaben sie uns ein in Wasser getränktes Kohlblatt. Davon hatte er nur zehn Minuten Energie. Ich fragte, ob es wie versprochen ein Ei gäbe. Der Wachmann bejahte. Bei der abendlichen Kontrolle führten sie uns hinaus und fingen an, uns in den Schritt zu schlagen. Sie fragten, ob jemand Kinder habe und wie viele. Diejenigen, die angeblich keine Kinder mehr bräuchten, wurden am härtesten geschlagen. Und solche Schläge gab es an jedem Feiertag“, sagt Oleksiy. …
Er suchte (nach dem Gefangenenaustausch) auch Psychologen auf. Doch die meisten Spezialisten hätten seine Erzählungen aus der Gefangenschaft nicht ertragen können und angefangen zu weinen. Deshalb begann Oleksiy, sich mithilfe von Büchern selbst weiterzubilden. Seine Rehabilitation dauert noch an.
https://life.pravda.com.ua/society/istoriya-oleksiya-anuli-yakiy-perezhiv-10-misyaciv-polonu-312444/