Russland - Ukraine
Für unsere ausländischen Tagesgäste und Sofahelden / Die Dekadenz der Schönheit
B., Oblast Charkiw, 21.06.2026
Manchmal essen wir wie Könige. Wir haben einen eigenen königlichen Garten, indem wir allerdings selber pflanzen, jäten und ernten müssen, nein, dürfen. Wir haben unsere eigenen Schweine und Hühner, unsere Gänse und Ziegen. Und für den Lebensmut und den reinen Genuss haben wir Hunde und Katzen, alle natürlich mit eigener Persönlichkeit.
Wir essen wie Könige, wenn ein Freund einer Elite-Einheit Urlaub hat und mit uns fröhlich zusammen sein möchte. Dabei wurde gestern Abend auch so leidenschaftlich (und laut) diskutiert, dass niemand auf das Abwehrfeuer unserer mobilen Anti-Drohnen-Teams achtete. Was ich witzig fand, komisch. Nicht weit entfernt schießt in der Dunkelheit jemand für uns in den Himmel, damit wir Krebse essen können und nicht getötet werden. Krieg ist arbeitsteiliger Kampf um Leben und Tod, das darf man nicht vergessen.
Manche ausländischen Tagesgäste ordnen fröhliche Gesellschaften in Restaurants ja als Form der Dekadenz ein, aber ihr Gedankensprung ist zu kurz. (Das zum Matrosen geborene Kind lernt zwar schwimmen, aber nur in einer Pfütze.)
Man muss wissen, wer sich da erholt und in welcher Lautstärke und mit welchen Slogans und zu welchen Zwecken. Unser Kriegerfreund meint beispielsweise, es wäre schrecklich, wenn alle immerzu für die Verteidigung arbeiten würden, wenn alle Männer an den Fronten dienen würden, wenn es keine „Dekadenz“ mehr geben würde. Denn wie könnte er sich dann erholen? Wochenlang ist er in Lebensgefahr, dann hat er ein paar Tage Urlaub, um der schwangeren Gattin zu helfen und Freunde zu treffen. Er hat genug Geld, um sich etwas Gutes zu gönnen. Er will Konzerte hören, Theater und Museen besuchen, frohe Menschen am Strand sehen, vielleicht seiner Frau einen Diamantring kaufen.
„Müssen Männer in den Parks Blumen gießen? Wenn das Militär Männer braucht?“ Die so fragenden ausländischen Tagesgäste übersehen, dass die gleichen Männer, die Parks pflegen, auch brennende Häuser löschen nach feindlichem Beschuss. Dass sie mit ihren Maschinen Trümmer beseitigen und ihre Leben bei Rettungsarbeiten riskieren. Die Dekadenz der Schönheit ist nur das öffentlich Sichtbare.
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Drohnen und Shakespeare
B., Oblast Charkiw, 21.06.2026
Eine Drohne fliegt in der Nähe, zu sehen ist sie nicht. Ihre Töne erinnern an das Summen einer Hummel, nur viel lauter, auf- und abschwellend, immer noch lauter werdend, also näher kommend. Wohin will sie? Hat sie Augen? Fällt sie zufällig auf unser Haus? Ich trete vorsichtshalber unters Dach. Unsere Abwehr schießt, dann ist Ruhe. Haben sie getroffen, es war kein Knall zu hören? Nein, wieder ist nur die Drohne zu hören. Es hört sich an, als würde sie drei Häuser weiter fliegen. Natürlich eine feindliche. Unsere würden nicht in dieser niedrigen Höhe über eine Siedlung fliegen. Jeder Moment kann der letzte sein, kein freundliches Gefühl.
Schöner Satz bei Mark Reicher: „Die ruzzen nutzen ihre Eskalationsdominanz, sie beschießen jetzt schon ihre eigenen Öltanks.“ In Moskau.
Ich sage es ja seit Jahren: Der Kriegsherr im Kreml ist eine Figur wie von William Shakespeare, er kann nur noch falsch handeln, nur noch zerstörerisch. Nur noch zum Nachteil seines Landes und seines Regimes. Es gibt kein Zurück, der Rand des Abgrunds ist noch nicht erreicht, und der Abgrund hat keine Decke. Selbst die dunkelsten und tiefsten Orte in ruzzland sind jetzt völlig offen und ungeschützt für die Ukrainer.
Wie lange kann der Kriegsherr im Kreml noch über die Katastrophe spotten, in die er ruzzland geführt hat, wie lange kann er sie noch verniedlichen und beschwichtigen? Moskau brennt – und er schweigt? Oder er wählt den Duktus wie nach dem Untergang der „Kursk“. „Sie sank.“ Dass die Matrosen tot waren, dass man deren Tod vielleicht auch bedauern könnten, kam ihm nicht in den Sinn. „Moskau brennt.“ Das ist eine Tatsache, die es offenbar nicht wert ist, lange kommentiert zu werden. Und die ruzzen lassen sich das gefallen?
Russland - Ukraine
Wie schmeckte euch der Krieg, Moskali?
B., Oblast Charkiw, 18.06.2026
Der schwarze Himmel über Moskau ist ein Gleichnis für eure schwarze Zukunft. Denn die Ukrainer haben noch gar nicht richtig damit angefangen, sich zu verteidigen – durch Entlastungsangriffe. Was ihr könnt, können wir auch, nur besser, intelligenter, effektiver, listiger und lustiger. Rache ist süß und ein schöner Nebeneffekt.
Nicht vergessen werden wir die Gemeinheit der Westler, lange Zeit den Ukrainern „zu verbieten“, den Krieg an seinen Ursprungsort zurückzuschicken. So viele von uns wurden deshalb ermordet. So viele „unschuldige“ Westler haben blutige Hände.
Jetzt zeigen die Ukrainer, wie man sich selbst rettet, indem sie die den Petro-Staat trockenlegen. „Moskau brennt“ – was für ein Wohlklang. Wer nicht hören will, muss fühlen. Ihr wolltet unsere Städte in die Steinzeit bomben, uns aus unseren Häusern vertreiben, unsere mutigsten Männer foltern, unsere Kunstschätze zerstören. Nun ist unsere Engelsgeduld zu Ende. Letztlich ist es Notwehr, Moskau das Sonnenlicht zu nehmen. Was sein muss, muss sein.
немецкий хохо́л
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Artillerie in der Steppe
B., Oblast Charkiw, 17.06.2026
Gestern sind wir lange durch Steppenlandschaften gefahren, bis an die Grenze des Oblast Donezk. Selbst die beiden Einheimischen staunten immer wieder über die Schönheit ihrer Heimat, zumal zu dieser Jahreszeit. So reich, so bunt, so fruchtbar! Man fährt mit dem Auto über saftige Schwarzerde, die man in anderen Ländern in Säckchen als Elite-Produkt an Blumenliebhaber verkaufen würde. Anatoli als Tierarzt und Mann mit breiter Bildung nannte die Namen der Blumen, Kräuter, Bäume. Welche sind essbar oder trinkbar, manche giftig oder einfach nicht sympathisch. Ein Fasan begrüßte uns an einer Weggabelung, floh aber dann ins Gebüsch.
Faszinierend ist der „Abwechslungsreichtum“. Die Landschaft ist milde, nicht extrem, bescheiden, aber wild. Nicht jede Fläche wird „genutzt“, von Menschen bearbeitet; oft wird die Natur sich selbst überlassen. Man fährt durch schattige Wälder, wo sich selten jemand hin verirrt, dann hat man das Gefühl endloser Weite und sieht Getreide bis zum Horizont wachsen. Darüber dieser süßen Schäfchenwolken. Sie waren vor uns da und werden nach uns da sein, und wir sind nur Gäste auf dieser Erde.
Wir sammelten Hülsen von Artilleriegeschossen ein, israelische und US-amerikanische. Unsere Künstlerinnen werden sie bemalen, dann verkaufen, und mit diesem Geld kaufen wir wieder Material für Tarnnetze.
Ukrainer sind erfinderisch, ist doch klar. Unser Freund S. arbeitet als Aufklärer im Donbas, er hat ein interessantestes Beispiel für die Innovationskraft im Drohnenkrieg erzählt. Die neuen Ideen entstehen in der Praxis, weil bestimmte Aufgaben erfüllt werden sollen. Man experimentiert mit den vorhandenen Mitteln, man überprüft die Verbesserungen sofort in der Praxis. Ich hatte geglaubt, dass mehr „im Hinterland“ experimentiert wird und an der Front der Praxistest stattfindet. Nein, beides gleichzeitig in den vordersten Linien.
Ein wichtiger Faktor für die Produktivität der Ukrainer ist das freundschaftliche Verhältnis zwischen den Dienstgraden, das Vertrauen zueinander, den Respekt voreinander. In einer guten Brigade stellt der Vorgesetzte Aufgaben, aber die Art und Weise, wie die Aufgaben erfüllt werden sollen, überlässt er denen, die sie ausführen müssen.
Die Brigade unseres Freundes bekam neulich Besuch von Vertretern zweier westlicher Armeen. Wie sagt man im Deutschen? „Die kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus“. Sie hatten erwartet, dass ein bestimmtes System ein Mal gesichert sei, da lachten die Ukrainer, denn sie hatten sieben Absicherungen geschafft.
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Leben auf dem Land
Kriegstagebuch, 13.06.2026, B., Oblast Charkiw
Geräuschkulisse: Regentropfen fallen auf das Wellblechdach der Sommerhütte, der Hahn feiert Sex-Orgien mit seinen 30 Gespielinnen, der Schäferhund schlägt mit der Tatze gegen sein Halsband (unter dem die Haut womöglich juckt), eine Taube gurrt, unser Waschbär faucht in seinem Käfig.
Die schwarze Katze liegt vor der offenen Tür zur Banja, sie gibt keine Geräusche von sich. Sie hat sich mit ihrem Schicksal hoffentlich abgefunden, jetzt im Sommer draußen schlafen zu müssen und ihre Kinder im Garten zu erziehen – unter anderem ein Katerchen mit dem Namen Stepan Bandera, nach meinem Vorschlag so genannt, denn er ist ein witziges Alpha-Tier. (Übrigens eine lustige Tradition, Tiere nach Politikern zu benennen. Habe ich vor fast 20 Jahren bei Jens Piske gelernt. Beleidigend wäre natürlich, ein Tier Hitler oder Stalin oder Putin zu nennen.)
Gestern Abend haben wir hier im Gartenhäuschen gut gegessen und gut getrunken. Ich wollte meinen Bauchumfang messen und dann nochmal in zwei Wochen; mit der Prognose natürlich: es werden einige Zentimeter mehr sein.
Blöde Neuigkeit: Die Feinde greifen hier im Hinterland der Front inzwischen gezielt auch Tankstellen an. Mehr sage ich nicht.
Über die Entwicklungen an den Fronten sind wir gut genug informiert. Alles wie immer, plus und minus, traurige und motivierende Ereignisse. Die historischen Dimensionen dieses Krieges sind allen bewusst, hier wird mindestens in Jahrzehnten gedacht.
Kriegstagebuch, 13.06.2026, B., Oblast Charkiw
Die Pyramide des Wissens (Spott über „Meinungen“) / Russländische „Spezialdienste“
Im Zug habe ich notiert, wie m.E. „Die Pyramide des Wissens“ aufgebaut sein sollte, um die Fähigkeit zu erlangen, existentiell wichtige gesellschaftlich Konflikte analytisch zu durchdringen und plastisch darzustellen, d.h. auch witzig, pointiert, aphoristisch.
1. Basis: sinnliche Erfahrungen, Landes- und Sprachkenntnisse, langjährige Feldforschungen mit überprüfbaren Arbeitsthesen, Demut und Neugierde, reiche soziale „Vernetzung“ (meine Wenigkeit verkehrt regelmäßig mit Menschen aus allen Schichten, auch mit „Extremisten“ – frühere Hooligans sind einige meiner besten Freunde).
2. theoretische Ausbildung, Lektüren, Kenntnis der Forschungsliteratur, Kenntnis der internationalen Debatten
3. Denk- und Reflexionsvermögen, Qualität der analytischen und darstellerischen Fähigkeiten (im Schach beispielsweise ab dem Level Elo 2000). Die Fähigkeit, die Perspektiven häufig zu wechseln sollte selbstverständlich zum analytischen Instrumentarium gehören, zur Grundausrüstung mündiger Menschen im Sinne Immanuel Kants.
Im Falle des Krieges gegen putin-ruzzland ist für die Fähigkeit zu urteilen unerlässlich: die Gewalttraditionen und Maskeraden der russischen Geheimdienste zu kennen, die Aufgaben und Praktiken der ruzzländischen „Spezialdienste“, die Traditionen der Folter und der Lager, den materialisierten Menschenhass.
Ebenso wichtig: die traumatische Geschichten der Menschen in der Ukraine und ihrer Vorfahren gut zu kennen, die Ermordung der ukrainischen Künstler, die erzwungenen Hungersnöte mit Millionen Opfern, die massenhaften Deportationen in den Fernen Osten, die politischen Morde im staatlichen Auftrag, von Moskau aus dirigiert, geplant, kontrolliert, in den gleichen Gebäuden wie heute auch, im Kreml und in der Lubjanka, aber natürlich nicht nur dort.
Literatur: Heiner Müller „Gesammelte Irrtümer“, Denis Diderot „Jacques der Fatalist und sein Herr“
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ruzzland und die Nato
Kriegstagebuch, Poltawa, 12.06.2026 (kurz vor der Abreise Richtung Frontgebiet)
Dieses Video ist ein wichtiges Dokument – ein der Beweise, dass ruzzland bereits vor dem heimtückischen Überfall auf die Ukraine plante, Nato-Länder militärisch anzugreifen. Was im Westen ja bis heute nicht alle glauben / als Möglichkeit anerkennen. Weil sie ruzzlands Kriegsgründe nicht verstehen (wollen) und weil sie die Dialektik der wechselseitigen Zerstörung im Verhältnis zum Westen nicht erkennen. Weil sie ihre Außenwirkungen nicht begreifen, nicht die „Strahlkraft“ ihrer politischen Systeme. Weil sie nicht merken, dass sie „in Schokolade leben“, wie man im russländischen Volksmund über sie sagt. An Friedfertigkeit sind sie kaum zu überbieten (angesichts ihrer zerstörerischen Möglichkeiten), aber sie lassen allen Ernstes von Terroristen einreden, Taschendiebstahl sei das schwerste aller Verbrechen. Existenzgefährdend für das imperiale putin-ruzzland ist nicht eine angebliche militärische Aggressivität des Westens, sondern die ATTRAKTIVITÄT von Reichtum, Freiheit und Demokratie, ihr Trottel, möchte ich manchmal rufen. In dieser Reihenfolge. Menschenrechte ist doch Blablabla für die meisten. „Erst kommt das Fressen, dann die Moral“.
Ich kann mich noch an den Moment im Dezember 2021 erinnern. Igor Korotschenko, einer der wichtigsten Einpeitscher des Kriegs im ruzzländischen Staatsfernsehen, zeigt ein Szenario, wie ruzzlands Militär in die baltischen Staaten einmarschiert, aus welchen Richtungen, mit welchen Zielen, wohin weiter hinaus, denn die russische Welt kennt ja keine Grenzen. Kann man sich Vergleichbares in einem westlichen Gebühren-finanzierten Programm vorstellen? Man achte auf die staunenden, zufriedenen Gesichter der Studiogäste.
PS: Heute Nacht habe ich die ruzzen gehasst. Nach einer Stunde Schlaf – die Sirenen heulen, Luftalarm. Trotz Ohropax wache ich auf. Etwa eine halbe Stunde lege ich wach, dann nach etwa einer Stunde Schlaf wieder Luftalarm. Und so drei oder vier Mal. Ich lese im Halbschlaf die Warnungen, was auf uns zufliegen soll. Raketen, Drohnen. Die nächste Sirene ist auf einem der Nachbarhäuser. Wenn die Sirenen etwas entfernt sind hört es sich manchmal wie das Jaulen von Wölfen an, beinahe sympathisch. Aber so nah tut es weh. Und ich müsste dankbar für den Schmerz sein, er soll mich ja warnen, mir helfen.
Hier von Denis Kazanskyi präsentiert (dessen Beiträge ich fast täglich sehe, weil er oft „den Finger auf Wunde legt“ / das Wesentliche witzig darstellt).
https://www.youtube.com/watch?v=3VUDsWTKpgI
ab min. 5:00
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Bumerang-Effekt: Russland brennt
Kriegstagebuch, Poltawa 10.06.2026
Wie sagt man im Deutschen? Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Wer hätte das vor vier Jahren gedacht. Meldungen von heute, zum Genießen:
„Bei Angriffen auf Russlands größtes Öllager im Kaukasus wurden laut Medienberichten bis zu 15 Tanks beschädigt. / In Tscheboksary, Russland, wurde das Progress-Rüstungswerk offenbar erneut mit Raketen angegriffen. / Eine Ölraffinerie in Samara, Russland, steht nach einem Drohnenangriff in Flammen – Berichte aus sozialen Medien.“
ruzzland brennt an allen Ecken und Enden. Die ukrainischen Techniker und Strategen arbeiten so systematisch, intelligent und mutig, wie es kein anderes Militär derzeit könnte, auch kein westliches. Die Ukrainer sind weltweit militärische Avantgarde. Wie sie furchtlos gegen einen furchtbaren Todfeind kämpfen, darüber wird man noch in Jahrhunderten sprechen und Heldenlieder singen, mindestens auf Ukrainisch.
PS: Der letzte Luftalarm endete 4:51 Uhr.
PPS: Übermorgen fahre ich wieder in den Donbas …
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Eine Deutsche im Ukraine-Krieg: Das Fronttagebuch der Savita Diana Wagner
Faszinierendes, trauriges Buch. Traurig von Anfang an, weil man ja weiß, dass die Autorin am Ende von den ruzzen erschossen wird, d.h. „im Einsatz getötet, als sie zwei verwundete Soldaten aus dem Gefecht zog“.
Nach dem heimtückischen Überfall putin-ruzzlands auf die friedliche Ukraine beschließt Savita Diana Wagner im März 2022, den Ukrainern beim Überleben zu helfen. Zunächst als zivile Freiwillige, dann als Sanitäterin beim Militär, bald auch als Kämpferin. Mit beeindruckender moralischer Konsequenz trifft sie ihre Entscheidungen. Ihre Motivation bezieht sie auch aus dem Versagen des Westens, dem jämmerlichen Verhalten der Verantwortlichen, der Mehrheit der Bevölkerung und der Medien.
9. März 2022
„Das ist verrückt, alle sitzen sich die Hintern platt, während ein echter Imperialist (wieder mal) in Europa randaliert.“
16. April 2023
„… so hoffe ich doch – als jemand, der seit dem 22. März 2022 in der Ukraine ist und seit dem 22. Juni an der Front mit der ukrainischen Armee kämpft –, dass alle, die jetzt nur zuschauen, die etwas (oder mehr) tun könnten, sich aber dafür entscheiden, sich nicht (weiter) einzumischen, in Scham und Schuld versinken werden, wenn alles vorbei ist, wenn das ganze Ausmaß der russischen Aggression in der Ukraine ans Licht gekommen ist, wenn alle etwas Zeit hatten, um zu verarbeiten, was hier passiert ist, bestimmte Kapitel der Geschichtsbücher noch einmal zu lesen und darüber nachzudenken, was in zukünftigen Geschichtsbüchern über diesen Krieg geschrieben werden soll.
Ukrainer „dürfen“ das nicht sagen (ohne dafür verurteilt zu werden), weil sie für die Unterstützung, die wir erhalten, Dankbarkeit zeigen sollen – nichts als Dankbarkeit, um die Unterstützung und Sympathie der Welt nicht zu gefährden, aber ich sage: Schämt euch!“
Sarkastisch schildert sie, was sie im Krieg lernt:
„Ich habe gelernt, dass selbst schief hängende Bilder oder auf dem Boden liegende Reisepässe Fallen sein können, die einem die Hände oder das Gesicht wegreißen. … Ganze Städte und Dörfer, die „kürzlich befreiten Gebiete“, sind mit unglaublichen Fallen präpariert … Menschen können sehr kreativ und/oder bösartig sein, z. B. mit Minen unter Schaukeln, in Leichen, übereinandergestapelte Minen, Granaten in Gläsern in Küchenschränken, die mit der Tür verdrahtet sind, Eimer mit Chemikalien, die so aufgestellt sind, dass sie beim Öffnen einer Tür oder Auslösen eines anderen zufälligen Mechanismus ein giftiges Gas freisetzen, Zeug auf dem Boden, das einem die Hände und/oder das Gesicht wegbläst, wenn man es aufhebt, die üblichen Stolperdrähte, die natürlich an Granaten ohne Zünder befestigt sind und so weiter …“
Sie berichtet von extrem harten Kämpfen an den vordersten Linien und wundert sich über sich selbst, warum sie bereit ist ihr Leben für die Rettung und Verteidigung von Ukrainern zu riskieren. Sie hatte nie zuvor etwas mit Krieg zu tun, hatte nicht einmal Kriegsfilme gesehen. In der Ukraine war sie zuvor nicht gewesen, und sie wundert sich darüber, dass „in Sachen Digitalisierung die Ukraine beispielsweise Deutschland oder Amerika um Lichtjahre voraus ist. Das Bank- und Postwesen hier ist so viel moderner und bequemer, dass ich mich frage, wie ich zu Hause mit unserem veralteten System nicht verrückt geworden bin.“ (Geht mir genauso.)
Fazit: Ein beeindruckendes Buch!
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Das Gelaber über die Nato
Poltawa, 05.06.2026
Man stelle sich vor, der spanische „Eroberer“ (Völkermörder) Hernán Cortés hätte die Okkupation Mexikos mit der Bedrohung durch die Azteken gerechtfertigt, und nicht mit der Suche nach Gold. Die Azteken kämpften mit Obsidian-Schwertern, die Spanier hatten Artillerie und Vorderlader-Gewehre. Die Spanier waren die Eindringlinge von einem anderen Kontinent, die Azteken die Besitzer auch des Goldes.
Wer sich mit der Geschichte ein wenig auskennt, weiß, wie absurd diese Begründung der Feldzüge und der Ausrottung der einheimischen Bevölkerung gewesen wäre.
Leider dominieren in ausländischen Reflexionen über den jetzigen Krieg in der Ukraine genau solche Absurditäten. Man diskutiert endlos über „Sicherheitsfragen“, etwa ob die Nato ruzzland jemals gedroht habe. Aber man übersieht von außen, dass die Gründe des Krieges keine militärischen oder militärpolitischen sind. Sondern systemische, d.h. zunächst einmal politische (Diktatur bzw. Terrorstaat vs. Demokratie, Leibeigenschaft vs. Freiheit der Kosaken) und wirtschaftliche (Oligarchen-Wirtschaft, „Partei der Diebe“, Mafia-Geheimdienst-Clique vs. Transformation zum Rechtsstaat).
Die systemischen antagonistischen Widersprüche lassen sich nicht wegverhandeln. Die Dialektik der wechselseitigen Zerstörung wird auch weiterhin wirken. Was für die Ukraine und den Westen gut ist, ist für Russland schlecht, jedenfalls in seiner gegenwärtigen imperialen Verfassung. Erstere wollen in Frieden das Leben genießen, letzteres kann im friedlichen internationalen Wettbewerb nicht mithalten. putlers ruzzland verliert im Frieden mehr als es mit Kriegen zu gewinnen hofft, und sei es die Zerstörung anderer Länder, damit diese sich nicht weiterhin erfolgreich entwickeln können, nicht weiterhin als „schlechtes“ Beispiel für Russlands Bevölkerung dienen können.
Je erfolgreicher sich die Ukraine entwickelt, je mehr sie sich von ihrer kolonialen Vergangenheit emanzipiert, desto peinlicher und grotesker Russlands grenzenlose Machtansprüche.
Russland - Ukraine
Freiheit
Poltawa, 04.06.2026
Ich bin in der Kneipe, traurig, denn Poltawa ist so leer geworden, denn die meisten Freunde dienen an den Fronten; einige frühere Freunde haben sich ins Ausland verdrückt.
Die Barfrau Viktoria telefoniert mit einer Freundin. Sie will wissen, wo heute morgen eine Drohne hingeflogen ist, in der Nähe ihres Hauses, am nördlichen Stadtrand. „Auf dem Parkplatz“, wiederholt sie. Gleichzeitig schreibt mir ein Freund, der am östlichen Stadtrand lebt, dass auch bei ihm drei Uhr nachts ein fliegendes Moped niedergegangen ist.
Erschreckend, und doch schon Alltag: Einschläge in der Nähe.
Neulich saßen wir abends in Anatolis Garten-Pavillon, da ertönte ein lauter Knall. Eine Shahed-Drohne war in der Nähe eingeschlagen, ca. 70 Meter entfernt, wie wir später erfuhren. Wir unterbrachen unser Gespräch aber nur kurz (über die enormen Wissenslücken in den westlichen Kriegs-Diskursen). Ca. einen Monat zuvor hatte es etwa genauso laut geknallt. Bei uns saß da aber ein Krieger, der uns aufklärte, das sei Artillerie, paar Kilometer entfernt. „Kein Grund zur Aufregung“.
Ach, wir sind so cool, so abgebrüht. Aber man darf den Feinden ja nicht den Gefallen tun, in Panik zu verfallen. Die beste Medizin gegen deren Mordlust ist: sie auszulachen; die Gefahr zu verlachen. Niemals aufgeben! Es lebe die Freiheit, die so bitter erkämpfte.