Russland - Ukraine

Wie schmeckte euch der Krieg, Moskali?

B., Oblast Charkiw, 18.06.2026
Der schwarze Himmel über Moskau ist ein Gleichnis für eure schwarze Zukunft. Denn die Ukrainer haben noch gar nicht richtig damit angefangen, sich zu verteidigen – durch Entlastungsangriffe. Was ihr könnt, können wir auch, nur besser, intelligenter, effektiver, listiger und lustiger. Rache ist süß und ein schöner Nebeneffekt.
Nicht vergessen werden wir die Gemeinheit der Westler, lange Zeit den Ukrainern „zu verbieten“, den Krieg an seinen Ursprungsort zurückzuschicken. So viele von uns wurden deshalb ermordet. So viele „unschuldige“ Westler haben blutige Hände.
Jetzt zeigen die Ukrainer, wie man sich selbst rettet, indem sie die den Petro-Staat trockenlegen. „Moskau brennt“ – was für ein Wohlklang. Wer nicht hören will, muss fühlen. Ihr wolltet unsere Städte in die Steinzeit bomben, uns aus unseren Häusern vertreiben, unsere mutigsten Männer foltern, unsere Kunstschätze zerstören. Nun ist unsere Engelsgeduld zu Ende. Letztlich ist es Notwehr, Moskau das Sonnenlicht zu nehmen. Was sein muss, muss sein.
немецкий хохо́л

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Artillerie in der Steppe

B., Oblast Charkiw, 17.06.2026
Gestern sind wir lange durch Steppenlandschaften gefahren, bis an die Grenze des Oblast Donezk. Selbst die beiden Einheimischen staunten immer wieder über die Schönheit ihrer Heimat, zumal zu dieser Jahreszeit. So reich, so bunt, so fruchtbar! Man fährt mit dem Auto über saftige Schwarzerde, die man in anderen Ländern in Säckchen als Elite-Produkt an Blumenliebhaber verkaufen würde. Anatoli als Tierarzt und Mann mit breiter Bildung nannte die Namen der Blumen, Kräuter, Bäume. Welche sind essbar oder trinkbar, manche giftig oder einfach nicht sympathisch. Ein Fasan begrüßte uns an einer Weggabelung, floh aber dann ins Gebüsch.
Faszinierend ist der „Abwechslungsreichtum“. Die Landschaft ist milde, nicht extrem, bescheiden, aber wild. Nicht jede Fläche wird „genutzt“, von Menschen bearbeitet; oft wird die Natur sich selbst überlassen. Man fährt durch schattige Wälder, wo sich selten jemand hin verirrt, dann hat man das Gefühl endloser Weite und sieht Getreide bis zum Horizont wachsen. Darüber dieser süßen Schäfchenwolken. Sie waren vor uns da und werden nach uns da sein, und wir sind nur Gäste auf dieser Erde.
Wir sammelten Hülsen von Artilleriegeschossen ein, israelische und US-amerikanische. Unsere Künstlerinnen werden sie bemalen, dann verkaufen, und mit diesem Geld kaufen wir wieder Material für Tarnnetze.
Ukrainer sind erfinderisch, ist doch klar. Unser Freund S. arbeitet als Aufklärer im Donbas, er hat ein interessantestes Beispiel für die Innovationskraft im Drohnenkrieg erzählt. Die neuen Ideen entstehen in der Praxis, weil bestimmte Aufgaben erfüllt werden sollen. Man experimentiert mit den vorhandenen Mitteln, man überprüft die Verbesserungen sofort in der Praxis. Ich hatte geglaubt, dass mehr „im Hinterland“ experimentiert wird und an der Front der Praxistest stattfindet. Nein, beides gleichzeitig in den vordersten Linien.
Ein wichtiger Faktor für die Produktivität der Ukrainer ist das freundschaftliche Verhältnis zwischen den Dienstgraden, das Vertrauen zueinander, den Respekt voreinander. In einer guten Brigade stellt der Vorgesetzte Aufgaben, aber die Art und Weise, wie die Aufgaben erfüllt werden sollen, überlässt er denen, die sie ausführen müssen.
Die Brigade unseres Freundes bekam neulich Besuch von Vertretern zweier westlicher Armeen. Wie sagt man im Deutschen? „Die kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus“. Sie hatten erwartet, dass ein bestimmtes System ein Mal gesichert sei, da lachten die Ukrainer, denn sie hatten sieben Absicherungen geschafft.

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Leben auf dem Land

Kriegstagebuch, 13.06.2026, B., Oblast Charkiw
Geräuschkulisse: Regentropfen fallen auf das Wellblechdach der Sommerhütte, der Hahn feiert Sex-Orgien mit seinen 30 Gespielinnen, der Schäferhund schlägt mit der Tatze gegen sein Halsband (unter dem die Haut womöglich juckt), eine Taube gurrt, unser Waschbär faucht in seinem Käfig.
Die schwarze Katze liegt vor der offenen Tür zur Banja, sie gibt keine Geräusche von sich. Sie hat sich mit ihrem Schicksal hoffentlich abgefunden, jetzt im Sommer draußen schlafen zu müssen und ihre Kinder im Garten zu erziehen – unter anderem ein Katerchen mit dem Namen Stepan Bandera, nach meinem Vorschlag so genannt, denn er ist ein witziges Alpha-Tier. (Übrigens eine lustige Tradition, Tiere nach Politikern zu benennen. Habe ich vor fast 20 Jahren bei Jens Piske gelernt. Beleidigend wäre natürlich, ein Tier Hitler oder Stalin oder Putin zu nennen.)

Gestern Abend haben wir hier im Gartenhäuschen gut gegessen und gut getrunken. Ich wollte meinen Bauchumfang messen und dann nochmal in zwei Wochen; mit der Prognose natürlich: es werden einige Zentimeter mehr sein.
Blöde Neuigkeit: Die Feinde greifen hier im Hinterland der Front inzwischen gezielt auch Tankstellen an. Mehr sage ich nicht.
Über die Entwicklungen an den Fronten sind wir gut genug informiert. Alles wie immer, plus und minus, traurige und motivierende Ereignisse. Die historischen Dimensionen dieses Krieges sind allen bewusst, hier wird mindestens in Jahrzehnten gedacht.

Kriegstagebuch, 13.06.2026, B., Oblast Charkiw
Die Pyramide des Wissens (Spott über „Meinungen“) / Russländische „Spezialdienste“
Im Zug habe ich notiert, wie m.E. „Die Pyramide des Wissens“ aufgebaut sein sollte, um die Fähigkeit zu erlangen, existentiell wichtige gesellschaftlich Konflikte analytisch zu durchdringen und plastisch darzustellen, d.h. auch witzig, pointiert, aphoristisch.

1. Basis: sinnliche Erfahrungen, Landes- und Sprachkenntnisse, langjährige Feldforschungen mit überprüfbaren Arbeitsthesen, Demut und Neugierde, reiche soziale „Vernetzung“ (meine Wenigkeit verkehrt regelmäßig mit Menschen aus allen Schichten, auch mit „Extremisten“ – frühere Hooligans sind einige meiner besten Freunde).
2. theoretische Ausbildung, Lektüren, Kenntnis der Forschungsliteratur, Kenntnis der internationalen Debatten
3. Denk- und Reflexionsvermögen, Qualität der analytischen und darstellerischen Fähigkeiten (im Schach beispielsweise ab dem Level Elo 2000). Die Fähigkeit, die Perspektiven häufig zu wechseln sollte selbstverständlich zum analytischen Instrumentarium gehören, zur Grundausrüstung mündiger Menschen im Sinne Immanuel Kants.

Im Falle des Krieges gegen putin-ruzzland ist für die Fähigkeit zu urteilen unerlässlich: die Gewalttraditionen und Maskeraden der russischen Geheimdienste zu kennen, die Aufgaben und Praktiken der ruzzländischen „Spezialdienste“, die Traditionen der Folter und der Lager, den materialisierten Menschenhass.
Ebenso wichtig: die traumatische Geschichten der Menschen in der Ukraine und ihrer Vorfahren gut zu kennen, die Ermordung der ukrainischen Künstler, die erzwungenen Hungersnöte mit Millionen Opfern, die massenhaften Deportationen in den Fernen Osten, die politischen Morde im staatlichen Auftrag, von Moskau aus dirigiert, geplant, kontrolliert, in den gleichen Gebäuden wie heute auch, im Kreml und in der Lubjanka, aber natürlich nicht nur dort.

Literatur: Heiner Müller „Gesammelte Irrtümer“, Denis Diderot „Jacques der Fatalist und sein Herr“

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ruzzland und die Nato

Kriegstagebuch, Poltawa, 12.06.2026 (kurz vor der Abreise Richtung Frontgebiet)
Dieses Video ist ein wichtiges Dokument – ein der Beweise, dass ruzzland bereits vor dem heimtückischen Überfall auf die Ukraine plante, Nato-Länder militärisch anzugreifen. Was im Westen ja bis heute nicht alle glauben / als Möglichkeit anerkennen. Weil sie ruzzlands Kriegsgründe nicht verstehen (wollen) und weil sie die Dialektik der wechselseitigen Zerstörung im Verhältnis zum Westen nicht erkennen. Weil sie ihre Außenwirkungen nicht begreifen, nicht die „Strahlkraft“ ihrer politischen Systeme. Weil sie nicht merken, dass sie „in Schokolade leben“, wie man im russländischen Volksmund über sie sagt. An Friedfertigkeit sind sie kaum zu überbieten (angesichts ihrer zerstörerischen Möglichkeiten), aber sie lassen allen Ernstes von Terroristen einreden, Taschendiebstahl sei das schwerste aller Verbrechen. Existenzgefährdend für das imperiale putin-ruzzland ist nicht eine angebliche militärische Aggressivität des Westens, sondern die ATTRAKTIVITÄT von Reichtum, Freiheit und Demokratie, ihr Trottel, möchte ich manchmal rufen. In dieser Reihenfolge. Menschenrechte ist doch Blablabla für die meisten. „Erst kommt das Fressen, dann die Moral“.
Ich kann mich noch an den Moment im Dezember 2021 erinnern. Igor Korotschenko, einer der wichtigsten Einpeitscher des Kriegs im ruzzländischen Staatsfernsehen, zeigt ein Szenario, wie ruzzlands Militär in die baltischen Staaten einmarschiert, aus welchen Richtungen, mit welchen Zielen, wohin weiter hinaus, denn die russische Welt kennt ja keine Grenzen. Kann man sich Vergleichbares in einem westlichen Gebühren-finanzierten Programm vorstellen? Man achte auf die staunenden, zufriedenen Gesichter der Studiogäste.

PS: Heute Nacht habe ich die ruzzen gehasst. Nach einer Stunde Schlaf – die Sirenen heulen, Luftalarm. Trotz Ohropax wache ich auf. Etwa eine halbe Stunde lege ich wach, dann nach etwa einer Stunde Schlaf wieder Luftalarm. Und so drei oder vier Mal. Ich lese im Halbschlaf die Warnungen, was auf uns zufliegen soll. Raketen, Drohnen. Die nächste Sirene ist auf einem der Nachbarhäuser. Wenn die Sirenen etwas entfernt sind hört es sich manchmal wie das Jaulen von Wölfen an, beinahe sympathisch. Aber so nah tut es weh. Und ich müsste dankbar für den Schmerz sein, er soll mich ja warnen, mir helfen.

Hier von Denis Kazanskyi präsentiert (dessen Beiträge ich fast täglich sehe, weil er oft „den Finger auf Wunde legt“ / das Wesentliche witzig darstellt).
https://www.youtube.com/watch?v=3VUDsWTKpgI
ab min. 5:00

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Bumerang-Effekt: Russland brennt

Kriegstagebuch, Poltawa 10.06.2026
Wie sagt man im Deutschen? Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Wer hätte das vor vier Jahren gedacht. Meldungen von heute, zum Genießen:
„Bei Angriffen auf Russlands größtes Öllager im Kaukasus wurden laut Medienberichten bis zu 15 Tanks beschädigt. / In Tscheboksary, Russland, wurde das Progress-Rüstungswerk offenbar erneut mit Raketen angegriffen. / Eine Ölraffinerie in Samara, Russland, steht nach einem Drohnenangriff in Flammen – Berichte aus sozialen Medien.“

ruzzland brennt an allen Ecken und Enden. Die ukrainischen Techniker und Strategen arbeiten so systematisch, intelligent und mutig, wie es kein anderes Militär derzeit könnte, auch kein westliches. Die Ukrainer sind weltweit militärische Avantgarde. Wie sie furchtlos gegen einen furchtbaren Todfeind kämpfen, darüber wird man noch in Jahrhunderten sprechen und Heldenlieder singen, mindestens auf Ukrainisch.

PS: Der letzte Luftalarm endete 4:51 Uhr.
PPS: Übermorgen fahre ich wieder in den Donbas …

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Eine Deutsche im Ukraine-Krieg: Das Fronttagebuch der Savita Diana Wagner

Faszinierendes, trauriges Buch. Traurig von Anfang an, weil man ja weiß, dass die Autorin am Ende von den ruzzen erschossen wird, d.h. „im Einsatz getötet, als sie zwei verwundete Soldaten aus dem Gefecht zog“.
Nach dem heimtückischen Überfall putin-ruzzlands auf die friedliche Ukraine beschließt Savita Diana Wagner im März 2022, den Ukrainern beim Überleben zu helfen. Zunächst als zivile Freiwillige, dann als Sanitäterin beim Militär, bald auch als Kämpferin. Mit beeindruckender moralischer Konsequenz trifft sie ihre Entscheidungen. Ihre Motivation bezieht sie auch aus dem Versagen des Westens, dem jämmerlichen Verhalten der Verantwortlichen, der Mehrheit der Bevölkerung und der Medien.
9. März 2022
„Das ist verrückt, alle sitzen sich die Hintern platt, während ein echter Imperialist (wieder mal) in Europa randaliert.“
16. April 2023
„… so hoffe ich doch – als jemand, der seit dem 22. März 2022 in der Ukraine ist und seit dem 22. Juni an der Front mit der ukrainischen Armee kämpft –, dass alle, die jetzt nur zuschauen, die etwas (oder mehr) tun könnten, sich aber dafür entscheiden, sich nicht (weiter) einzumischen, in Scham und Schuld versinken werden, wenn alles vorbei ist, wenn das ganze Ausmaß der russischen Aggression in der Ukraine ans Licht gekommen ist, wenn alle etwas Zeit hatten, um zu verarbeiten, was hier passiert ist, bestimmte Kapitel der Geschichtsbücher noch einmal zu lesen und darüber nachzudenken, was in zukünftigen Geschichtsbüchern über diesen Krieg geschrieben werden soll.
Ukrainer „dürfen“ das nicht sagen (ohne dafür verurteilt zu werden), weil sie für die Unterstützung, die wir erhalten, Dankbarkeit zeigen sollen – nichts als Dankbarkeit, um die Unterstützung und Sympathie der Welt nicht zu gefährden, aber ich sage: Schämt euch!“
Sarkastisch schildert sie, was sie im Krieg lernt:
„Ich habe gelernt, dass selbst schief hängende Bilder oder auf dem Boden liegende Reisepässe Fallen sein können, die einem die Hände oder das Gesicht wegreißen. … Ganze Städte und Dörfer, die „kürzlich befreiten Gebiete“, sind mit unglaublichen Fallen präpariert … Menschen können sehr kreativ und/oder bösartig sein, z. B. mit Minen unter Schaukeln, in Leichen, übereinandergestapelte Minen, Granaten in Gläsern in Küchenschränken, die mit der Tür verdrahtet sind, Eimer mit Chemikalien, die so aufgestellt sind, dass sie beim Öffnen einer Tür oder Auslösen eines anderen zufälligen Mechanismus ein giftiges Gas freisetzen, Zeug auf dem Boden, das einem die Hände und/oder das Gesicht wegbläst, wenn man es aufhebt, die üblichen Stolperdrähte, die natürlich an Granaten ohne Zünder befestigt sind und so weiter …“
Sie berichtet von extrem harten Kämpfen an den vordersten Linien und wundert sich über sich selbst, warum sie bereit ist ihr Leben für die Rettung und Verteidigung von Ukrainern zu riskieren. Sie hatte nie zuvor etwas mit Krieg zu tun, hatte nicht einmal Kriegsfilme gesehen. In der Ukraine war sie zuvor nicht gewesen, und sie wundert sich darüber, dass „in Sachen Digitalisierung die Ukraine beispielsweise Deutschland oder Amerika um Lichtjahre voraus ist. Das Bank- und Postwesen hier ist so viel moderner und bequemer, dass ich mich frage, wie ich zu Hause mit unserem veralteten System nicht verrückt geworden bin.“ (Geht mir genauso.)

Fazit: Ein beeindruckendes Buch!

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Das Gelaber über die Nato

Poltawa, 05.06.2026
Man stelle sich vor, der spanische „Eroberer“ (Völkermörder) Hernán Cortés hätte die Okkupation Mexikos mit der Bedrohung durch die Azteken gerechtfertigt, und nicht mit der Suche nach Gold. Die Azteken kämpften mit Obsidian-Schwertern, die Spanier hatten Artillerie und Vorderlader-Gewehre. Die Spanier waren die Eindringlinge von einem anderen Kontinent, die Azteken die Besitzer auch des Goldes.
Wer sich mit der Geschichte ein wenig auskennt, weiß, wie absurd diese Begründung der Feldzüge und der Ausrottung der einheimischen Bevölkerung gewesen wäre.
Leider dominieren in ausländischen Reflexionen über den jetzigen Krieg in der Ukraine genau solche Absurditäten. Man diskutiert endlos über „Sicherheitsfragen“, etwa ob die Nato ruzzland jemals gedroht habe. Aber man übersieht von außen, dass die Gründe des Krieges keine militärischen oder militärpolitischen sind. Sondern systemische, d.h. zunächst einmal politische (Diktatur bzw. Terrorstaat vs. Demokratie, Leibeigenschaft vs. Freiheit der Kosaken) und wirtschaftliche (Oligarchen-Wirtschaft, „Partei der Diebe“, Mafia-Geheimdienst-Clique vs. Transformation zum Rechtsstaat).
Die systemischen antagonistischen Widersprüche lassen sich nicht wegverhandeln. Die Dialektik der wechselseitigen Zerstörung wird auch weiterhin wirken. Was für die Ukraine und den Westen gut ist, ist für Russland schlecht, jedenfalls in seiner gegenwärtigen imperialen Verfassung. Erstere wollen in Frieden das Leben genießen, letzteres kann im friedlichen internationalen Wettbewerb nicht mithalten. putlers ruzzland verliert im Frieden mehr als es mit Kriegen zu gewinnen hofft, und sei es die Zerstörung anderer Länder, damit diese sich nicht weiterhin erfolgreich entwickeln können, nicht weiterhin als „schlechtes“ Beispiel für Russlands Bevölkerung dienen können.
Je erfolgreicher sich die Ukraine entwickelt, je mehr sie sich von ihrer kolonialen Vergangenheit emanzipiert, desto peinlicher und grotesker Russlands grenzenlose Machtansprüche.

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Freiheit

Poltawa, 04.06.2026
Ich bin in der Kneipe, traurig, denn Poltawa ist so leer geworden, denn die meisten Freunde dienen an den Fronten; einige frühere Freunde haben sich ins Ausland verdrückt.
Die Barfrau Viktoria telefoniert mit einer Freundin. Sie will wissen, wo heute morgen eine Drohne hingeflogen ist, in der Nähe ihres Hauses, am nördlichen Stadtrand. „Auf dem Parkplatz“, wiederholt sie. Gleichzeitig schreibt mir ein Freund, der am östlichen Stadtrand lebt, dass auch bei ihm drei Uhr nachts ein fliegendes Moped niedergegangen ist.
Erschreckend, und doch schon Alltag: Einschläge in der Nähe.
Neulich saßen wir abends in Anatolis Garten-Pavillon, da ertönte ein lauter Knall. Eine Shahed-Drohne war in der Nähe eingeschlagen, ca. 70 Meter entfernt, wie wir später erfuhren. Wir unterbrachen unser Gespräch aber nur kurz (über die enormen Wissenslücken in den westlichen Kriegs-Diskursen). Ca. einen Monat zuvor hatte es etwa genauso laut geknallt. Bei uns saß da aber ein Krieger, der uns aufklärte, das sei Artillerie, paar Kilometer entfernt. „Kein Grund zur Aufregung“.

Ach, wir sind so cool, so abgebrüht. Aber man darf den Feinden ja nicht den Gefallen tun, in Panik zu verfallen. Die beste Medizin gegen deren Mordlust ist: sie auszulachen; die Gefahr zu verlachen. Niemals aufgeben! Es lebe die Freiheit, die so bitter erkämpfte.

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Notizen

Poltawa, 04.06.2022
Zum Argument, die Nato sei ja stärker als ruzzland, ruzzland werde deshalb die Nato nicht angreifen: Aber ruzzlands Militär verfügt über enorme Zerstörungskräfte, und sie kalkulieren die Feigheit bzw. Lebensfreude der Westler mit ein. Der Westen ist erpressbar, wenn er sich erpressen lässt. An die Deutschen: Sie kennen euch womöglich besser als ihr euch selbst. Weil sie den Krieg als nihilistisches Gesamtkunstwerk gestalten. Aber alles ganz und gar Kalkulierte wirkt immer niedlich, deshalb scheitern sie bei der Berechnung „ihrer“ Wirklichkeiten, bspw. am Mut der Ukrainer.

Seltsam: die Argumente, ruzzland werde keine Kernwaffen einsetzen, weil China und Indien dagegen wären, weil ruzzland dann international isoliert wäre oder weil es keine entscheidenden militärischen Vorteile mit dem Einsatz von Kernwaffen erreichen würde oder weil es das dann atomar verseuchte Land ja selbst einmal nutzen wolle oder weil der Wind die Strahlen auf eigenes Territorium wehen könne …
Alles seltsame Argumente, solange das wichtigste fehlt: dass der Westen ja atomar antworten könnte.
In den Propaganda-Shows im ruzzischen Staatsfernsehen wird übrigens als einziges Argument gegen den Einsatz von Kernwaffen gesagt: Weil wir Humanisten sind.

Die Lehre vom „Wissenschaftlichen Kommunismus“ haben sie in Moskau in die Lehre vom Wissenschaftlichen Zynismus umgeformt. Sie wissen, dass sie im friedlichen Wettbewerb nicht mit anderen Ländern mithalten können, also entscheiden sie sich für das Faust“recht“.
Wichtiger Unterschied:
Was hatte ruzzland, was hatte der Westen „im Angebot“ für die Ukraine? Nicht: was boten beide (aktiv) an. Bis zum Jahr 2022.
Die EU bot der Ukraine 2013 ein umfassendes Handelsabkommen an, in dem auch reguliert worden war, wie viele Avocados die Ukraine in die EU exportieren darf, nämlich keine, auch keine importierten. Oder waren es Ananas? Das Vertragswerk soll mehr als eintausend Seiten lang gewesen sein, selbst die Übersetzer haben es nicht im Ganzen gelesen, und wahrscheinlich auch niemand von den demonstrierenden Menschen auf dem Maidan. Aber das war nicht entscheidend.
Viel wichtiger: die systemischen Unterschiede
Westen: Bessere Löhne, ehrliche Polizei, Marken-Produkte (daraus folgend „Lebensgefühle“), faszinierende Technologien im Handwerk und IT-Bereich, inspirierende Moden und Trends.
ruzzland: völlige Rechtlosigkeit vor Gerichten, brutale Polizei und korrupte Behörden (jährlich 150.000 erfolgreiche Firmen werden von „Sicherheitskräften“ enteignet / übernommen), kaum weltmarktfähigen Fertigprodukte, dementsprechend gruslige Soft-Power.

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Zurück ins 19. Jahrhundert

Putin-Russland versucht bekanntlich, die globale und territoriale Ordnung der Vergangenheit wiederherzustellen, indem es an den imperialen Machtanspruch des Zarenreichs und der Sowjetunion anknüpft. Wo das politische System keine Zukunft hat, bleibt nur der Absturz oder die Reise in die Vergangenheit, typisch Russisch moralisch verbrämt:
Kreml-Bauchredner Solowjow im Gespräch mit Roger Köppel:
«Wir sind Europa, nicht ihr. Ihr habt alles verraten, woran Europa im 19. Jahrhundert (!) geglaubt hat. Ihr habt die falsche Abzweigung genommen. Und genau das ist das Problem. Zunächst werden die wahren christlichen Werte abgeschafft. Dann beseitigt man seine Kultur. Ihr habt eure großen Autoren des 19. Jahrhunderts (!) vergessen. Ihr habt eure Wurzeln verraten. Und deshalb hasst ihr uns. Weil ihr in uns seht, wie Europa sein sollte.(!)»
In ihrer Jugend waren sie noch gläubige Kommunisten (oder taten zumindest so), jetzt wollen sie die letzten wahren Christen in Europa sein. Das 19. Jahrhundert als Maßstab des „wahren“ Europa, als Russland der Gendarm des Kontinents war? Welche kühne Behauptung, wir Europäer wollten so sein wie sie, so leben wie sie …

Solowjow: „Wir zerstören niemals Kultur und Menschen, mit denen wir zu tun hatten und Teil eines Reiches wurden. … Der schlimmste Feind, den man sich vorstellen kann, ist der Russe. …
(An die Adresse der Europäer:)
Das wollen wir nicht mehr, dass ihr uns liebt. Wir wollen eure Angst. (1:46:00)
Unser Präsident hat einmal gesagt, unser Konzept eines Erstschlags, aber es ist nie ein Erstschlag, ist immer eine Antwort. Das bedeutet, dass die Welt zerstört würde. Und der Präsident Russlands sagte, was ist die Welt ohne Russland in ihr. Die Antwort liegt auf der Hand. Entweder wir gewinnen den Krieg, oder es wird keine Welt mehr geben.
1:57:00 Natürlich sind wir Raubtiere. Die gefährlichsten Raubtiere von allen. Der Mensch wurde für den Krieg geschaffen, der Mensch ist nicht für den Frieden geschaffen.“
https://www.youtube.com/watch?v=BTAlnOiDNo8

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